Ein Mann verbringt einen langen Abend in sozialen Medien.
Er sieht politische Kommentare, Nachrichten, Videos und Diskussionen. Menschen, denen er zustimmt. Menschen, über die er sich ärgert. Positionen, die ihm vernünftig erscheinen, und andere, die er für absurd hält.
An Fremdheit fehlt es scheinbar nicht.
Im Gegenteil.
Er weiß ziemlich genau, was „die anderen“ denken. Jeden Tag begegnen ihm ihre Aussagen. Er kennt ihre Argumente, ihre Wortwahl, ihre Empörung.
Zumindest glaubt er das.
Denn die Frage ist nicht nur, ob ihm andere Perspektiven begegnen.
Die Frage ist, wie sie ihm begegnen.
Menschen haben die Welt nie voraussetzungslos wahrgenommen.
Familie, Herkunft, Bildung, Religion, politische Überzeugungen und soziale Milieus beeinflussten immer, was Menschen für selbstverständlich hielten und welche Erfahrungen sie machten.
Milieus sind keine digitale Erfindung.
Auch die Vorstellung einer früheren Welt, in der Menschen selbstverständlich mit allen möglichen Perspektiven konfrontiert wurden, wäre eine Illusion.
Digitale Systeme verändern jedoch eine Bedingung dieser Wahrnehmung.
Sie können registrieren, worauf Menschen reagieren.
Was sie anklicken. Was sie teilen. Was sie suchen. Wobei sie verweilen. Was sie wiederholt ansehen. Aus solchen Reaktionen können weitere Entscheidungen darüber entstehen, was ihnen anschließend begegnet.
Digitale Systeme zeigen uns nicht einfach, was wir denken. Sie lernen, worauf wir reagieren.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Denn Menschen reagieren nicht nur auf das, dem sie zustimmen. Sie reagieren auch auf das, was sie ärgert, erschreckt, bestätigt, überrascht oder empört.
Eine personalisierte digitale Umgebung muss deshalb keineswegs aus lauter Gleichgesinnten bestehen.
Sie kann voller Widerspruch sein.
Und dennoch auf uns zugeschnitten.
Der Mann vom Anfang sieht an diesem Abend ein Video eines politischen Gegners.
Die Aussage empört ihn.
Er schaut das Video bis zum Ende, liest Kommentare, schickt es einem Freund. Später begegnet ihm ein ähnlicher Ausschnitt. Wieder reagiert er.
Nach einiger Zeit kennt er viele solcher Videos. Er könnte daraus schließen, dass er die andere Seite gut kennt. Aber möglicherweise kennt er vor allem jene Ausschnitte von ihr, auf die er besonders stark reagiert.
Das Andere ist nicht verschwunden.
Es ist sichtbar.
Aber es begegnet ihm innerhalb eines Wahrnehmungsraums, an dessen Entstehung seine eigenen Reaktionen mitgewirkt haben.
Das Fremde verschwindet nicht. Es kann in einer Form erscheinen, die uns bereits vertraut ist.
Darin liegt eine Veränderung, die tiefer reicht als die Frage, ob Menschen in sogenannten Filterblasen leben. Ein Mensch kann täglich mit gegensätzlichen Meinungen konfrontiert werden und trotzdem kaum erfahren, wie die Welt aus der Perspektive des anderen aussieht.
Denn eine andere Meinung zu sehen ist noch kein Perspektivwechsel.
Urteilskraft entsteht nicht dadurch, dass Menschen keine eigene Perspektive besitzen.
Das wäre unmöglich.
Sie beginnt mit der Fähigkeit, die eigene Perspektive als begrenzt erkennen zu können.
Dafür reicht Information allein nicht immer aus.
Wir können wissen, dass andere Menschen anders denken. Wir können ihre Argumente lesen und ihre Positionen beschreiben. Und trotzdem kann unsere eigene Sicht auf die Welt unverändert bleiben.
Etwas anderes geschieht, wenn eine Erfahrung nicht ohne Weiteres in unsere bisherigen Erwartungen passt.
Ein Mensch, den wir für unsympathisch hielten, handelt unerwartet großzügig.
Ein Ort, über den wir klare Vorstellungen hatten, erweist sich nach unserer Ankunft als anders.
Ein Gespräch mit jemandem, dessen politische Haltung wir ablehnen, passt nicht zu dem Bild, das wir von Menschen mit dieser Haltung besaßen.
Solche Erfahrungen garantieren keine Erkenntnis.
Wir können sie abwehren, umdeuten oder als Ausnahme behandeln.
Aber sie enthalten eine Möglichkeit: dass unsere bisherigen Kategorien nicht ausreichen.
Das ist die Erfahrung des Außen.
Außen ist dann nicht einfach das, was räumlich oder sozial außerhalb unseres Milieus liegt.
Außen ist, was sich unserer bisherigen Perspektive nicht ohne Weiteres einfügt.
Digitale Räume müssen diese Erfahrung nicht verhindern.
Sie können sie sogar ermöglichen.
Ein Jugendlicher in einer kleinen Stadt kann Menschen kennenlernen, deren Lebenswirklichkeit ihm in seiner unmittelbaren Umgebung niemals begegnet wäre.
Jemand kann Texte lesen, Gespräche hören und Bilder sehen, die seine bisherigen Vorstellungen von einer Religion, einem Land oder einer gesellschaftlichen Gruppe infrage stellen.
Digitale Öffentlichkeit kann Horizonte öffnen, die zuvor durch Herkunft, Geografie und soziale Umgebung begrenzt waren.
Deshalb wäre es falsch, der analogen Welt Fremdheit und der digitalen Welt Bestätigung zuzuordnen.
Die entscheidende Unterscheidung verläuft anders.
Nicht zwischen analog und digital.
Sondern zwischen einer Begegnung, die unsere vorhandenen Kategorien lediglich bedient, und einer Begegnung, die sie irritieren kann.
Digitale Systeme können beides ermöglichen.
Die Frage ist, unter welchen Bedingungen sie das eine oder das andere begünstigen.
Immanuel Kant beschrieb Urteilskraft auch als die Fähigkeit, beim eigenen Urteil den möglichen Standpunkt anderer mitzudenken.
Interessant daran ist weniger die Aufforderung, andere Menschen besser zu verstehen.
Entscheidend ist etwas anderes:
Das eigene Urteil verändert sich, wenn es seinen eigenen Standpunkt mitbedenken muss.
Wer urteilt, betrachtet die Welt immer von irgendwoher. Erfahrung, Wissen, Interessen und Erwartungen bestimmen mit, was sichtbar und plausibel erscheint. Urteilskraft beginnt deshalb nicht mit dem Versuch, diesen Standpunkt zu verlassen.
Sie beginnt mit dem Bewusstsein, dass es ihn gibt.
Und mit der Fähigkeit, für einen Augenblick die eigene Position nicht mit der Welt selbst zu verwechseln.
Hundert gegensätzliche Meinungen ergeben noch keine erweiterte Perspektive.
Entscheidend ist, ob eine andere Sichtweise die Maßstäbe berühren kann, mit denen wir selbst urteilen.
Gerade hier verändern digitale Milieus die Bedingungen von Urteilskraft.
Wenn Wahrnehmungsumgebungen fortwährend auf unsere bisherigen Reaktionen zurückwirken, begegnet uns auch das Andere zunehmend innerhalb von Zusammenhängen, die bereits etwas über uns wissen.
Das bedeutet nicht, dass Urteilskraft verschwindet.
Aber sie wird anspruchsvoller.
Der Mann legt irgendwann sein Telefon zur Seite.
Er hat an diesem Abend vieles gesehen.
Zustimmung und Widerspruch. Vertrautes und Fremdes. Menschen, die ähnlich denken wie er, und Menschen, deren Überzeugungen er ablehnt.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob er ausreichend unterschiedliche Meinungen gesehen hat.
Sondern ob etwas darunter war, das seine Vorstellung davon verändert hat, wer diese anderen sind und warum sie die Welt anders sehen.
Perspektivwechsel beginnt nicht schon dort, wo das Andere sichtbar wird.
Sondern dort, wo es sich nicht mehr vollständig in das Bild einfügt, das wir bereits von ihm hatten.
Urteilskraft zeigt sich nicht darin, keine Perspektive zu haben. Sondern darin, die eigene Perspektive als begrenzt erkennen zu können.