Menschen sehen die Welt immer von einem bestimmten Standpunkt aus.
Erfahrungen, soziale Zusammenhänge und gemeinsame Sprachen beeinflussen, was ihnen vertraut, fremd oder plausibel erscheint. Das ist keine Folge der Digitalisierung.
Digitale Systeme verändern jedoch die Bedingungen, unter denen solche Perspektiven entstehen und sich stabilisieren.
Sie können registrieren, worauf Menschen reagieren, und diese Reaktionen in die weitere Auswahl von Inhalten einbeziehen. Zugleich entstehen in digitalen Räumen gemeinsame Begriffe und sprachliche Formen, an denen Menschen einander erkennen und Wirklichkeit einordnen.
Das Andere verschwindet dadurch nicht.
Menschen können heute mehr unterschiedlichen Perspektiven begegnen, als ihre unmittelbare Lebenswelt ihnen jemals zugänglich gemacht hätte.
Entscheidend ist deshalb nicht, wie viel Verschiedenheit sichtbar wird.
Entscheidend ist, ob das, was uns begegnet, unsere bisherigen Kategorien noch irritieren kann.
Die Texte dieses Themenraums fragen nach den Bedingungen, unter denen Menschen den eigenen Standpunkt als begrenzt erkennen können – und danach, welche Rolle digitale Wahrnehmungsräume und Sprache dabei spielen.
Denn Urteilskraft braucht nicht nur Information.
Sie braucht die Möglichkeit, der Welt so zu begegnen, dass sie anders sein kann, als wir sie bereits kennen.
Digitale Räume verbinden Menschen permanent. Gleichzeitig strukturieren sie Wahrnehmung zunehmend innerhalb personalisierter und sozial geprägter Erfahrungsräume.
Der Essay untersucht, was geschieht, wenn Menschen der Welt häufiger innerhalb vorstrukturierter Wirklichkeiten begegnen – und Erfahrungen von Fremdheit, Widerspruch und Perspektivwechsel seltener werden.
Im Mittelpunkt steht eine grundlegende Frage:
Was geschieht, wenn die Erfahrung eines Außen verloren geht – jener Erfahrung, an der Menschen die Begrenztheit der eigenen Perspektive erkennen?
Über Sprache, Zugehörigkeit und digitale Milieus
Menschen begegnen der Welt nicht nur durch Bilder, Informationen und Erfahrungen. Sie begegnen ihr auch durch Sprache.
Der Essay untersucht, wie Begriffe Wahrnehmung ordnen und zugleich gesellschaftliche Zugehörigkeit sichtbar machen. Dasselbe Ereignis kann als Protest, Widerstand, Unruhe oder Aufruhr bezeichnet werden – und mit der Wahl des Wortes verändert sich bereits der Horizont seiner Deutung.
Digitale Öffentlichkeiten beschleunigen diese Prozesse. Sprache beschreibt dann nicht nur Wirklichkeit.
Sie kann zugleich anzeigen, zu welcher Wirklichkeit jemand gehört.
Wahrnehmung & Gesellschaft
Wie unterschiedliche Wahrnehmungs- und Deutungsräume gesellschaftliche Öffentlichkeit verändern.
Die kompatible Wirklichkeit
Wie technische Vorauswahl mitbestimmt, welche Ausschnitte der Welt Menschen überhaupt begegnen.
Orientierung
Wie Menschen entscheiden, was sie wissen, wem sie vertrauen und woran sie sich orientieren können, wenn Gewissheit nicht erreichbar ist.