Menschen begegnen der Welt nie ohne Vorbereitung.
Sie hören Empfehlungen, lesen Kritiken, folgen Wegweisern und Reiseführern. Sie suchen nach Orten, Menschen und Dingen, von denen sie erwarten, dass sie zu ihnen passen.
Digitale Systeme haben diese Vorauswahl nicht erfunden.
Aber sie haben ihre Bedingungen verändert.
Empfehlungen können heute aus vergangenen Entscheidungen, Bewertungen und Verhaltensweisen entstehen. Was wir anklicken, überspringen, kaufen, ansehen oder ablehnen, kann beeinflussen, was uns als Nächstes begegnet.
Damit entsteht eine neue Form der Rückkopplung.
Ein System trifft eine Auswahl. Ein Mensch reagiert darauf. Seine Reaktion kann zur Information werden, aus der die nächste Auswahl entsteht.
Das kann Orientierung verbessern. Unpassendes lässt sich leichter erkennen, Interessantes leichter finden, eine Empfehlung genauer auf einen Menschen abstimmen.
Doch der Vorgang endet nicht dort.
Denn während technische Systeme aus menschlichen Reaktionen lernen, machen Menschen ihre Erfahrungen zunehmend innerhalb einer Welt, deren Auswahl auf solche Reaktionen bereits antwortet.
Das System lernt aus dem Menschen. Der Mensch begegnet einer Welt, die aus diesem Lernen hervorgegangen ist.
So entsteht eine Wirklichkeit, die nicht notwendig enger, falscher oder künstlicher wird.
Sie kann vielfältiger werden. Sie kann überraschen. Sie kann Menschen auf Dinge aufmerksam machen, denen sie ohne technische Hilfe niemals begegnet wären.
Aber die Wahrscheinlichkeit einer Begegnung kann zunehmend davon abhängen, was bereits über einen Menschen bekannt ist, was andere vor ihm gewählt haben und wie auf frühere Entscheidungen reagiert wurde.
Auch Nichtpassung beendet diesen Prozess nicht notwendig.
Was wir ablehnen, kann zum Signal werden. Was uns enttäuscht, kann die nächste Empfehlung verändern. Selbst die Abweichung kann in eine neue Passung eingehen.
Auch das Nein kann Teil des Profils werden.
Damit stellt sich eine Frage, die über einzelne Empfehlungen hinausgeht.
Wenn Systeme auf Menschen reagieren und Menschen wiederum auf die dadurch veränderte Auswahl, verändern sich nicht nur die Möglichkeiten, die ihnen begegnen.
Möglicherweise verändern sich auch die Erwartungen, mit denen sie der Welt begegnen.
Die beiden Essays dieses Themenraums betrachten zunächst zwei Seiten dieses Prozesses.
Der erste fragt, was geschieht, bevor eine Erfahrung beginnt.
Der zweite fragt, was geschieht, wenn die tatsächliche Erfahrung nicht zu dem passt, was vorhergesagt oder erwartet wurde.
Gemeinsam untersuchen sie eine Wirklichkeit, in der Auswahl und Erfahrung nicht mehr unabhängig voneinander bleiben müssen.
Denn vielleicht liegt die entscheidende Veränderung nicht darin, dass technische Systeme immer genauer wissen, was zu uns passt.
Sie könnte darin liegen, dass unsere Reaktionen auf die Welt zunehmend mitbestimmen, welche Welt uns als Nächstes begegnet.
Bevor wir einen Ort besuchen, können wir seine Bilder sehen. Bevor wir ein Restaurant betreten, kennen wir seine Bewertungen. Bevor wir einen Film auswählen, erfahren wir, wie gut er zu unseren bisherigen Vorlieben passen könnte.
Das erleichtert Entscheidungen.
Doch jede Vorauswahl verändert zugleich die Wahrscheinlichkeit dessen, was uns begegnet.
Manches rückt näher. Anderes tritt zurück. Und manches wird durch eine Empfehlung überhaupt erst sichtbar.
Die Frage ist deshalb nicht, ob Menschen ohne Orientierung leben sollten.
Sie lautet, was aus einer offenen Welt wird, wenn immer genauer vorausgesagt werden kann, was für uns wahrscheinlich relevant sein wird.
Nicht jede Empfehlung trifft.
Ein Hotel kann allen bisherigen Vorlieben entsprechen und trotzdem nicht gefallen. Ein Film kann perfekt ausgewählt erscheinen und dennoch langweilen. Ein Mensch kann entdecken, dass etwas nicht mehr zu ihm passt, obwohl es bisher immer zu ihm gepasst hat.
Doch in lernenden Systemen endet der Vorgang nicht mit dieser Erfahrung.
Auch die Ablehnung kann zur Information werden. Aus ihr entsteht möglicherweise die nächste Auswahl – und auf diese reagiert der Mensch erneut.
So beginnt eine Rückkopplung zwischen System und Mensch.
Was geschieht, wenn selbst das Nichtpassende zunehmend dazu beitragen kann, die nächste Passung herzustellen?
Mit künstlicher Intelligenz verschiebt sich die Frage nach der kompatiblen Wirklichkeit.
Nicht mehr nur die Auswahl dessen, was einem Menschen begegnet, kann sich daran orientieren, was zu ihm passen könnte.
Das Gegenüber selbst kann sich zunehmend auf ihn einstellen.
Es kann seine Sprache anpassen, sich an frühere Gespräche erinnern, geduldig reagieren, bestätigen oder widersprechen.
Damit verändert sich die Frage nach Passung.
Nicht mehr nur:
Was geschieht, wenn die Welt immer genauer auf unsere bisherigen Reaktionen antwortet?
Sondern:
Was geschieht, wenn auch ein Gegenüber immer genauer auf uns antworten kann?
Wie künstliche Intelligenz Verbindungen sichtbar macht, die beim Menschen lange selbstverständlich zusammengehörten: Ergebnis und Entstehungsweg, Entscheidung und Verantwortung, Nähe und Gegenseitigkeit.
Über Beziehung, Gegenseitigkeit und das Versprechen eines passenden Anderen
Was geschieht mit Nähe, wenn ein technisches Gegenüber sich zunehmend auf einen Menschen einstellen kann – ohne ihm als ein anderes menschliches Leben gegenüberzutreten?