Auf einem Platz versammeln sich einige hundert Menschen. Später erscheinen Bilder davon in den Nachrichten und in sozialen Medien.
Die einen sprechen von einer Demonstration.
Andere von Protest.
Wieder andere von Ausschreitungen.
Vielleicht trifft eines dieser Wörter den Vorgang genauer als die anderen. Vielleicht verändert sich das Geschehen im Laufe des Tages und verschiedene Begriffe beschreiben verschiedene Momente.
Aber noch bevor darüber gestritten wird, was tatsächlich geschehen ist, hat die Wahl des Wortes bereits etwas getan.
Sie hat das Ereignis eingeordnet.
Sprache bildet Wirklichkeit nicht einfach ab.
Wenn wir etwas benennen, heben wir bestimmte Eigenschaften hervor und lassen andere zurücktreten.
Ein Mensch kann „Aktivist“, „Demonstrant“, „Störer“ oder „Extremist“ genannt werden. Diese Wörter bezeichnen nicht notwendig denselben Sachverhalt. Und ihre Unterschiede sind nicht bloß sprachlich.
Mit ihnen verändern sich Erwartungen.
Wer einen „Aktivisten“ erwartet, sieht möglicherweise Engagement.
Wer einen „Extremisten“ erwartet, achtet auf Bedrohung.
Deshalb sind Wörter nicht beliebig. Manche Beschreibungen treffen einen Sachverhalt besser als andere. Manche verzerren ihn. Manche sind nachweislich falsch.
Aber bevor diese Prüfung stattfindet, kann ein Begriff bereits einen Rahmen geschaffen haben, innerhalb dessen wir das Geschehen wahrnehmen.
Mit einem Wort beschreiben wir nicht nur, was wir sehen. Wir zeigen oft auch, wie wir gelernt haben, es zu sehen.
Menschen erkennen einander an Sprache.
An einem Dialekt. An einer Redewendung. An Fachbegriffen. An einem Witz, den nur diejenigen verstehen, die eine bestimmte Erfahrung teilen.
Darin liegt etwas Verbindendes.
Gemeinsame Sprache schafft Nähe. Sie ermöglicht Menschen, Erfahrungen auszudrücken, für die ihnen vorher vielleicht sogar die Begriffe fehlten. Politische und gesellschaftliche Bewegungen haben immer auch dadurch Wirklichkeit verändert, dass sie neue Wörter fanden oder alten eine neue Bedeutung gaben.
Sprache schafft deshalb nicht nur Grenzen.
Sie kann Erfahrungen überhaupt erst sichtbar machen.
Doch dieselbe Fähigkeit besitzt eine andere Seite.
Einzelne Wörter können zu Erkennungszeichen werden.
Wer sie benutzt, signalisiert nicht nur, was er über einen Sachverhalt denkt. Er zeigt zugleich, welchem Zusammenhang er sich zugehörig fühlt – oder wird von anderen einem solchen Zusammenhang zugeordnet.
Dann hören wir in einem Wort nicht mehr nur eine Beschreibung.
Wir hören eine Position.
Manchmal glauben wir sogar, bereits den Menschen dahinter zu kennen.
In digitalen Räumen kann diese Form der Wiedererkennung besonders schnell entstehen.
Ein Begriff taucht auf. Er wird geteilt, kommentiert, übernommen, ironisiert oder bekämpft. Innerhalb kurzer Zeit kann ein Wort zu einem Signal werden, an dem Menschen erkennen, wer vermutlich zu ihnen gehört und wer nicht.
Ein Hashtag kann Erfahrungen bündeln.
Ein Schlagwort kann einen politischen Konflikt verdichten.
Ein Ausdruck kann innerhalb eines Milieus selbstverständlich werden, während er außerhalb bereits als Zeichen einer bestimmten Haltung wahrgenommen wird.
Digitale Kommunikation hat solche sprachlichen Zugehörigkeiten nicht erfunden.
Aber sie kann ihre Verbreitung beschleunigen und ihre Sichtbarkeit verstärken.
Vor allem erscheinen Wörter dort zusammen mit Bildern, Kommentaren und Reaktionen. So entstehen sprachliche Zusammenhänge, in denen Menschen nicht nur lernen, was über ein Ereignis gesagt wird.
Sie lernen auch, wie man darüber spricht.
Problematisch wird es, wenn sprachliche Wiedererkennung das Urteil ersetzt.
Jemand benutzt einen bestimmten Begriff – und wir glauben bereits zu wissen, was er sonst noch denkt.
Manchmal wird diese Vermutung stimmen.
Aber sie kann auch verhindern, dass wir noch hören, was tatsächlich gesagt wurde.
Dann geschieht etwas Bemerkenswertes:
Das Wort ordnet nicht mehr nur den Gegenstand ein.
Es ordnet den Sprecher ein.
Und damit kann eine Auseinandersetzung enden, bevor sie begonnen hat.
Wir hören ein Wort – und glauben, bereits die Wirklichkeit zu kennen, aus der es gesprochen wurde.
Solche Einordnungen schaffen Orientierung. In einer unübersichtlichen Menge von Stimmen helfen sprachliche Signale, Zusammenhänge zu erkennen.
Aber Orientierung hat ihren Preis, wenn aus Wiedererkennung Gewissheit wird.
Dann muss der einzelne Satz nicht mehr geprüft werden.
Seine vermutete Herkunft genügt.
Doch Sprache grenzt nicht nur ab.
Ein neuer Begriff kann sichtbar machen, was vorher unbeachtet blieb. Eine ungewohnte Beschreibung kann ein vertrautes Ereignis anders erscheinen lassen.
Wörter wandern zwischen Milieus, verändern ihre Bedeutung und werden neu verwendet. Manchmal verändert sich eine Wahrnehmung, weil jemand ein anderes Wort dafür findet.
Das bedeutet nicht, dass jede neue Bezeichnung genauer ist.
Aber Sprache kann die Kategorien irritieren, mit denen wir bisher geurteilt haben.
Gerade darin liegt ihre Offenheit:
Dieselben Wörter, an denen Menschen einander erkennen, können auch verändern, wie sie die Welt erkennen.
Was ist dort also geschehen?
Eine Demonstration?
Ein Protest?
Ausschreitungen?
Die Antwort lässt sich nicht durch die Wahl des sympathischeren Wortes entscheiden.
Wir müssten zurück zum Ereignis.
Was haben Menschen getan? Wie hat die Situation begonnen? Hat es Gewalt gegeben? Von wem? Wann? Gegen wen? Beschreibt ein Begriff den ganzen Vorgang oder nur einen Ausschnitt?
Das Wort kann uns zu einer Wirklichkeit führen.
Aber es kann die Prüfung dieser Wirklichkeit nicht ersetzen.
Genau darin liegt eine Aufgabe von Urteilskraft in digitalen Milieus:
zu unterscheiden zwischen den Wörtern, mit denen wir die Welt ordnen, und der Wirklichkeit, an der sie sich bewähren müssen.