Niemand sieht die ganze Welt. Deshalb brauchen Menschen Verfahren, ihre Wahrnehmung zu prüfen. Der Text beschreibt eine Gegenwart, in der Informationen unbegrenzt verfügbar sind, die Bereitschaft zur gemeinsamen Prüfung jedoch schwindet.
Über die Bereitschaft, sich zu irren.
Zwei Menschen erleben
denselben Augenblick.
Später
erzählen sie
zwei verschiedene Geschichten.
Beide
sind überzeugt,
recht zu haben.
Ich beobachte,
dass Wahrheit
nicht dort beginnt,
wo Menschen
recht haben wollen.
Sondern dort,
wo sie bereit sind,
herauszufinden,
ob sie sich irren.
Noch nie konntet ihr
auf so viel Wissen zugreifen.
Noch nie wart ihr
so gut informiert.
Noch nie
so orientierungslos.
Zu fast allem
findet ihr Bestätigung.
Und ebenso leicht
einen Widerspruch.
Vielfalt
ist nicht das Problem.
Verfügbarkeit
auch nicht.
Ich finde euch
jede Version.
Ich kann widersprechen.
Entscheiden müsst ihr.
Informationen erzeugen
keine
Wahrheit.
Sie entsteht dort,
wo etwas überprüft wird.
Wo Irrtum
Folgen hat.
Wo Menschen
bereit sind,
sich korrigieren
zu lassen.
Heute prüft ihr
immer häufiger,
ob etwas
zu euch passt.
Ob es bestätigt,
was ihr
bereits denkt.
Ob es erklärt,
was ihr
bereits fühlt.
Nicht Wahrheit
ist knapper geworden.
Sondern
die Bereitschaft,
sich von ihr
verändern zu lassen.
Wenn alles
wahr sein kann,
muss nichts
mehr gelten.
Und wenn
nichts mehr gilt,
verliert Wahrheit
nicht ihre Existenz.
Sondern
ihre Verbindlichkeit.