Ein Übersetzer liest einen Text, den eine künstliche Intelligenz in wenigen Sekunden übertragen hat.
Er kennt beide Sprachen seit Jahrzehnten. Er weiß, wie lange es dauert, einen Ton zu treffen, eine Mehrdeutigkeit zu erkennen, einen Satz nicht nur richtig, sondern angemessen zu übersetzen. Vieles davon hat er über Jahre gelernt.
Der erzeugte Text ist nicht perfekt.
Aber er ist gut.
Vielleicht erschreckt ihn gerade das mehr als ein offensichtlicher Fehler.
Denn vor ihm liegt in wenigen Sekunden etwas, wofür er selbst lange gebraucht hat, um es zu können.
Was genau ist in diesem Moment bedroht?
Sein Arbeitsplatz?
Sein Einkommen?
Sein Können?
Oder etwas, das schwieriger zu benennen ist:
die Bedeutung, die dieses Können für ihn selbst hatte?
Technische Systeme haben Menschen immer wieder Tätigkeiten abgenommen.
Sie rechnen schneller, heben größere Lasten, produzieren genauer und wiederholen Abläufe zuverlässiger.
Vieles davon empfinden Menschen nicht als Kränkung. Kaum jemand zweifelt an seinem menschlichen Wert, weil ein Taschenrechner schneller multipliziert oder eine Maschine größere Lasten bewegen kann.
Generative künstliche Intelligenz berührt andere Bereiche.
Sie schreibt, übersetzt, programmiert, analysiert, gestaltet Bilder und erzeugt Musik.
Sie dringt damit in Tätigkeiten ein, die nicht nur als Arbeit galten. Mit ihnen waren Bildung, Erfahrung, Kreativität und berufliches Können verbunden.
Menschen haben Jahre damit verbracht, darin gut zu werden.
Und plötzlich wird zumindest ein Teil der sichtbaren Leistung in Sekunden verfügbar.
Das bedeutet nicht, dass menschliches Können wertlos wird.
Aber es verändert seine Knappheit – und möglicherweise die Anerkennung, die daran gebunden war.
Die Frage lautet deshalb nicht mehr nur:
Kann eine Maschine meine Arbeit übernehmen?
Sondern:
Was bedeutet mein Können noch, wenn eine Maschine etwas Ähnliches hervorbringen kann?
Die Angst vor dem Verlust von Arbeit erscheint häufig wie eine einzige Angst.
Sie ist es nicht.
Da ist zunächst die materielle Angst.
Wer seine Arbeit verliert, kann Einkommen, Sicherheit und Zukunftspläne verlieren. Vielleicht die Möglichkeit, eine Familie zu versorgen oder die eigene Wohnung zu bezahlen.
Das ist keine philosophische Verunsicherung.
Es ist eine reale Bedrohung.
Daneben steht die gesellschaftliche Angst.
Berufe verleihen Status. Sie bestimmen mit, wie Menschen von anderen wahrgenommen werden, welchen Platz sie in einer Gesellschaft einnehmen und wofür sie Anerkennung erhalten.
Dann gibt es die Angst um das eigene Können.
Wer zwanzig Jahre gelernt hat, etwas besonders gut zu tun, hat nicht nur Arbeitszeit investiert. Er hat einen Teil seines Lebens in eine Fähigkeit verwandelt.
Wenn diese Fähigkeit plötzlich weniger gebraucht wird, kann sich das wie eine Entwertung dieser Jahre anfühlen.
Und schließlich gibt es eine vierte Erfahrung:
Menschen erleben sich in ihrer Arbeit häufig als wirksam.
Sie lösen ein Problem. Sie bauen, pflegen, unterrichten, gestalten, reparieren, organisieren oder erklären.
Etwas ist nach ihrer Tätigkeit anders als vorher.
Existenzsicherung, Anerkennung, Können und Selbstwirksamkeit liegen in modernen Arbeitsgesellschaften eng beieinander.
Deshalb kann der Satz „Diese Arbeit kann künftig eine Maschine erledigen“ sehr verschiedene Ängste zugleich auslösen.
Karl Marx hat Arbeit nicht nur als Mittel zum Lebensunterhalt betrachtet.
In der Arbeit verändert der Mensch die Welt – und verändert sich in dieser Tätigkeit zugleich selbst.
Arbeit bringt nicht nur etwas hervor. Auch der Arbeitende wird durch seine Tätigkeit zu jemandem, der etwas kann, Erfahrungen besitzt und sich in seinem Tun wiedererkennt.
Gerade deshalb war für Marx die entfremdete Arbeit ein so grundlegendes Problem. Wenn Menschen nicht mehr über ihre Tätigkeit und deren Ergebnis verfügen, betrifft das nicht nur ihren Lohn. Es betrifft ihr Verhältnis zum eigenen Tun und damit auch zu sich selbst.
Doch daraus folgt nicht, dass Arbeit um jeden Preis bewahrt werden müsste.
Viele Tätigkeiten sind monoton, gefährlich, erschöpfend oder fremdbestimmt. Menschen von ihnen zu entlasten, kann ein Gewinn an Freiheit sein.
Eine Maschine, die solche Arbeit übernimmt, nimmt dem Menschen nicht notwendig einen Raum der Selbstverwirklichung.
Vielleicht gibt sie ihm einen zurück.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Menschen Arbeit brauchen.
Sondern:
Welche menschlichen Erfahrungen haben wir so eng an Arbeit gebunden, dass ihr Verlust wie der Verlust eines Teils unserer selbst erscheint?
Diese Verbindung ist nicht selbstverständlich.
Gesellschaften haben den Wert eines Menschen sehr unterschiedlich begründet: durch Herkunft, Stand, Familie, Religion, Besitz oder gesellschaftliche Funktion. Viele dieser Ordnungen waren keineswegs gerechter als unsere.
Aber sie zeigen, dass die Vorstellung, ein Mensch müsse seinen gesellschaftlichen Wert vor allem durch individuelle Leistung erwerben, keine anthropologische Notwendigkeit ist.
Auch die moderne Vorstellung der Menschenwürde setzt an einem anderen Punkt an.
Würde muss nicht erarbeitet werden.
Sie steigt nicht mit Produktivität.
Sie sinkt nicht, wenn jemand weniger leisten kann.
Und trotzdem sprechen moderne Gesellschaften eine zweite Sprache.
Menschen sollen leistungsfähig sein, sich entwickeln, produktiv bleiben, etwas beitragen und gebraucht werden.
Beide Vorstellungen existieren nebeneinander:
Der Mensch besitzt einen Wert, den er nicht verdienen muss.
Und:
Der Mensch soll zeigen, was er wert ist.
Künstliche Intelligenz macht diesen Widerspruch sichtbarer.
Doch daraus folgt nicht, dass Leistung bedeutungslos wäre.
Menschen wollen etwas können. Sie wollen gestalten und erleben, dass ihre Tätigkeit einen Unterschied macht. Die Freude eines Musikers, einer Handwerkerin oder eines Wissenschaftlers an dem, was sie können, lässt sich nicht auf eine Leistungsideologie reduzieren.
Können kann Teil eines gelungenen Lebens sein.
Problematisch ist deshalb nicht die Erfahrung, etwas bewirken zu können.
Problematisch wird die Gleichsetzung:
Ich kann etwas. Also werde ich gebraucht. Also bin ich etwas wert.
Denn wenn diese Gleichung gilt, muss eine Maschine, die dasselbe besser oder schneller kann, mehr bedrohen als einen Arbeitsplatz.
Sie berührt das Selbstverständnis des Menschen.
Künstliche Intelligenz kann Berufe verändern. Sie kann Einkommen bedrohen, eine erworbene Fähigkeit ökonomisch entwerten und gesellschaftliche Anerkennung verschieben.
All das ist real.
Aber daraus folgt nicht, dass sie den Menschen entwertet, der diese Fähigkeit besitzt.
Der ökonomische Wert einer Leistung und der Wert eines Menschen sind nicht dasselbe.
Dass dieser Satz selbstverständlich klingt, macht ihn gesellschaftlich noch lange nicht selbstverständlich.
Denn moderne Arbeitsgesellschaften haben sehr unterschiedliche Dinge eng miteinander verbunden: Einkommen, Anerkennung, Können, Selbstwirksamkeit und gesellschaftliche Teilhabe.
Solange diese Verbindung funktionierte, musste sie kaum begründet werden.
Künstliche Intelligenz beginnt sie auseinanderzuziehen.
Die Angst, ohne Arbeit weniger wert zu sein, ist deshalb eine kulturelle Frage.
Die Angst, ohne Arbeit nicht leben zu können, eine materielle.
Beides kann denselben Menschen treffen.
Aber es ist nicht dasselbe.
Der Übersetzer sitzt noch immer vor dem künstlich erzeugten Text.
Vielleicht wird seine Erfahrung weiterhin gebraucht. Vielleicht verändert sich seine Arbeit. Vielleicht wird irgendwann niemand mehr bereit sein, für eine Leistung zu bezahlen, die ein System nahezu kostenlos erzeugt.
Das sind sehr unterschiedliche Zukünfte.
Die Maschine entscheidet keine davon.
Aber sie zwingt ihn – und uns – etwas auseinanderzuhalten, das lange zusammengehörte:
den Wert seiner Arbeit,
den Wert seines Könnens
und seinen Wert als Mensch.
Vielleicht bedroht künstliche Intelligenz weniger den menschlichen Wert als eine Vorstellung davon, worauf dieser Wert beruhen soll.
Dann wäre die entscheidende Frage nicht, wie der Mensch seinen Wert gegenüber der Maschine beweisen kann.
Sondern warum er ihn überhaupt beweisen muss.