Ein Mann bucht für einige Tage ein Hotel.
Er hat lange gesucht. Die Lage ist gut. Die Zimmer sehen auf den Bildern freundlich aus. Fast alle Bewertungen sind positiv. Gäste mit ähnlichen Interessen empfehlen das Haus. Auch der Preis stimmt.
Es gibt keinen vernünftigen Grund, an seiner Entscheidung zu zweifeln.
Dann kommt er an.
Das Zimmer entspricht den Bildern. Es ist sauber. Das Personal freundlich. Das Frühstück gut.
Und trotzdem gefällt es ihm nicht.
Vielleicht ist es das Licht. Die Atmosphäre. Die Geräusche am Abend. Vielleicht kann er selbst nicht genau sagen, was ihn stört.
Nichts war falsch.
Die Bewertungen nicht.
Die Bilder nicht.
Die Empfehlung nicht.
Und dennoch passt die Erfahrung nicht zu seiner Erwartung.
Menschen begegnen der Welt mit Erwartungen.
Sie entstehen aus früheren Erfahrungen, aus Erzählungen, Bildern und Informationen. Sie helfen uns, Entscheidungen zu treffen und uns in Situationen zurechtzufinden, die wir noch nicht kennen.
Meistens ist das nützlich.
Aber Erwartungen können enttäuscht werden.
Ein Essen schmeckt anders als gedacht. Ein Film langweilt. Ein Urlaubsort gefällt nicht.
Es kann auch das eigene Leben betreffen.
Ein Beruf, auf den jemand lange hingearbeitet hat, erfüllt ihn nicht.
Ein Mensch reagiert anders, als man von ihm erwartet hatte.
Eine Überzeugung hält einer Erfahrung nicht stand.
Eine Entscheidung, die vernünftig erschien, erweist sich als falsch.
Nicht jede solche Erfahrung führt zu Erkenntnis.
Menschen können Widersprüche übergehen, Enttäuschungen anderen zuschreiben oder einfach zur nächsten Möglichkeit weitergehen. Und manchmal war tatsächlich nur das Essen schlecht.
Aber in jeder enttäuschten Erwartung liegt zunächst eine Differenz:
Etwas war anders, als wir es erwartet hatten.
Was daraus wird, ist eine andere Frage.
Dabei ist Enttäuschung nur eine Form der Nichtpassung.
Eine Erfahrung kann auch besser sein als erwartet.
Ein Buch, das zunächst fremd erscheint, kann wichtig werden.
Ein Mensch, den wir nach unseren bisherigen Vorstellungen kaum interessant gefunden hätten, kann uns überraschen.
Eine Tätigkeit, für die wir uns ungeeignet hielten, kann etwas in uns entdecken lassen, das wir nicht kannten.
Auch solche Erfahrungen widersprechen einer Erwartung. Deshalb liegt der Wert des Nichtpassenden nicht darin, dass es unangenehm wäre.
Nicht jede Reibung ist wertvoll.
Nicht jeder Umweg erweitert den Horizont.
Nicht jedes Scheitern macht einen Menschen klüger.
Entscheidend ist etwas Einfacheres:
Die Erfahrung kann anders ausfallen als die Vorstellung, mit der wir ihr begegnet sind.
Damit entsteht überhaupt erst die Möglichkeit, dass nicht nur die Welt an unsere Erwartungen angepasst wird. Auch unsere Erwartungen können sich verändern.
Digitale Systeme helfen längst nicht mehr nur dabei, Gefahren oder offensichtliche Fehlentscheidungen zu vermeiden.
Sie können Präferenzen berücksichtigen.
Welche Musik gefällt mir?
Welche Filme sehe ich bis zum Ende?
Welche Menschen finde ich interessant?
Welche Nachrichten binden meine Aufmerksamkeit?
Welche Produkte kaufe ich?
Welche Antwort empfinde ich als hilfreich?
Aus vergangenen Entscheidungen und Reaktionen entstehen Wahrscheinlichkeiten für zukünftige. Damit verändert sich das Versprechen.
Es lautet nicht mehr nur:
Wir helfen dir, eine schlechte Entscheidung zu vermeiden.
Es kann auch lauten:
Wir helfen dir, etwas zu finden, das wahrscheinlich zu dir passt.
Das kann hervorragend funktionieren.
Und doch bleibt eine Grenze.
Denn vergangenes Verhalten beschreibt einen Menschen, ohne vollständig festzulegen, was ihm künftig gefallen, wichtig werden oder widerfahren wird.
Menschen sind nicht immer mit dem kompatibel, was bisher zu ihnen passte.
Der Mann im Hotel könnte am Abend eine Bewertung abgeben.
Drei Sterne.
Vielleicht klickt er an:
Zimmer gut.
Service gut.
Lage gut.
Würde trotzdem nicht wiederkommen.
Für ein technisches System ist damit etwas geschehen.
Eine Erwartung wurde nicht erfüllt.
Eine Empfehlung hat eine Reaktion erzeugt.
Und diese Reaktion kann zur Information für die nächste Auswahl werden.
Das gilt längst nicht nur für Hotels.
Ein Lied wird übersprungen.
Eine Serie abgebrochen.
Ein Produkt zurückgeschickt.
Eine andere Route gewählt.
Eine Antwort eines technischen Systems verworfen und neu erzeugt.
Solche Reaktionen können zu Signalen werden.
Aber ein Signal erklärt sich nicht selbst.
Ein übersprungenes Lied kann bedeuten, dass es nicht gefällt. Vielleicht passte es aber nur nicht in diesen Moment. Eine abgebrochene Serie kann langweilig gewesen sein – oder der Zuschauer war müde.
Systeme, die aus Reaktionen lernen, stehen deshalb vor einem einfachen Problem: Eine Reaktion ist eindeutig geschehen. Was sie bedeutet, ist damit noch nicht eindeutig. Das System kann dennoch aus ihr lernen und die nächste Auswahl verändern.
Darin liegt zunächst ein Gewinn.
Wenn eine Empfehlung nicht passt, warum sollte ein System diesen Fehler immer wiederholen?
Aus einer Vorhersage wird eine Erfahrung, aus der Reaktion darauf entstehen neue Daten – und aus diesen Daten kann die nächste Vorhersage hervorgehen.
Nichtpassung steht deshalb nicht notwendig außerhalb einer kompatiblen Wirklichkeit.
Sie kann selbst zum Ausgangspunkt neuer Passung werden.
Für den Mann im Hotel ist die Sache möglicherweise komplizierter.
Er weiß zunächst nur:
Es gefällt mir nicht.
Das System kann diese Reaktion registrieren.
Aber der Mann selbst weiß vielleicht noch nicht, was sie bedeutet.
Vielleicht war ihm Ruhe wichtiger, als er dachte.
Vielleicht stört ihn gerade die Ruhe.
Vielleicht merkt er erst in einem anderen Hotel, dass ihm nicht Ausstattung fehlt, sondern eine bestimmte Atmosphäre.
Vielleicht entdeckt er irgendwann, dass er auf Reisen überhaupt etwas anderes sucht, als seine bisherigen Entscheidungen vermuten ließen.
Vielleicht geschieht auch nichts davon.
Er gibt drei Sterne und vergisst das Hotel.
Nichtpassung garantiert keine Erkenntnis. Aber sie kann eine Frage entstehen lassen, die vorher nicht da war:
Warum eigentlich nicht?
In dieser Frage unterscheidet sich eine Erfahrung von einer bloßen Reaktion.
Eine Reaktion kann unmittelbar erfolgen.
Die Bedeutung einer Erfahrung muss damit noch nicht feststehen.
Damit entsteht eine eigentümliche Situation.
Das System kann aus der Reaktion des Mannes lernen.
Der Mann kann aus seiner Erfahrung lernen.
Aber beide lernen nicht notwendig dasselbe.
Für das System kann die Information lauten:
Menschen mit diesem Profil bewerten Hotels dieser Art etwas schlechter als erwartet.
Oder:
Diesem Nutzer künftig weniger ähnliche Hotels zeigen.
Für den Menschen kann die Erfahrung eine andere Bedeutung bekommen.
Vielleicht verändert sich nicht nur seine Bewertung dieses Hotels.
Vielleicht verändert sich seine Vorstellung davon, was er überhaupt sucht.
Der Unterschied liegt nicht darin, dass nur der Mensch lernen könnte.
Technische Systeme können Rückmeldungen aufnehmen, Muster verändern und künftige Empfehlungen anpassen.
Der Unterschied liegt auch nicht darin, dass technische Systeme notwendig nur Bekanntes wiederholen müssten. Sie können Neues vorschlagen, Alternativen einbeziehen und Überraschungen ermöglichen.
Aber eine Reaktion und die Bedeutung einer Erfahrung sind nicht dasselbe.
Eine Reaktion kann sofort zu einem Datenpunkt werden. Eine Erfahrung braucht möglicherweise länger, bis ein Mensch versteht, was sie für ihn bedeutet.
Technische Systeme haben den Wunsch nach Passung nicht erfunden.
Menschen wollten immer Entscheidungen treffen, die sich als richtig erweisen. Sie suchten Menschen, Orte und Tätigkeiten, bei denen sie sich aufgehoben fühlten. Sie wollten unnötige Enttäuschungen vermeiden.
Es gibt keinen Grund, darauf zu verzichten.
Die Frage ist deshalb nicht, ob technische Systeme uns wieder häufiger schlechte Hotels, unpassende Musik oder falsche Wege empfehlen sollten.
Auch Nichtpassung muss nicht geschützt werden, nur weil sie Nichtpassung ist. Entscheidend ist, was mit ihr geschieht, wenn sie auftritt.
Sie kann als Fehler der Auswahl behandelt werden:
Das hat nicht gepasst. Beim nächsten Mal machen wir es besser.
Sie kann aber auch einen anderen Gedanken auslösen:
Vielleicht waren die Kriterien selbst nicht vollständig.
Vielleicht hat sich etwas verändert.
Vielleicht wusste ich noch nicht, wonach ich suchte.
Nichtpassung kann deshalb zweierlei in Bewegung setzen:
eine bessere Anpassung der Auswahl an den Menschen.
Oder eine Veränderung dessen, was der Mensch über sich und die Welt erwartet.
Beides kann sinnvoll sein.
Aber es ist nicht dasselbe.
Nach einigen Tagen verlässt der Mann das Hotel.
Vielleicht hat er drei Sterne gegeben. Das System besitzt damit eine neue Information. Beim nächsten Mal werden ihm möglicherweise andere Hotels vorgeschlagen.
Vielleicht bessere.
Für den Mann selbst ist die Erfahrung damit nicht notwendig abgeschlossen.
Vielleicht versteht er erst später, warum ihm dieser Ort nicht gefallen hat.
Vielleicht verändert sich dadurch, wonach er beim nächsten Mal sucht.
Vielleicht auch nicht.
Die Welt hat ihm keine Lektion erteilt.
Sie hat ihm nur nicht vollständig entsprochen.
Das genügt nicht für Erkenntnis.
Aber es schafft die Möglichkeit einer Korrektur.
Denn eine Welt, an der Menschen ihre Erwartungen prüfen können, muss nicht absichtlich schwierig, enttäuschend oder unberechenbar sein.
Sie muss nur die Möglichkeit behalten, anders zu sein, als sie erwartet wurde.
Für technische Systeme liegt darin eine Grenze einfacher Anpassung: Sie können Reaktionen erfassen, aus ihnen lernen und ihre nächste Auswahl verändern. Doch je schneller eine Reaktion in neue Passung übersetzt wird, desto wichtiger wird die Unterscheidung zwischen dem Signal und dem, was es für einen Menschen bedeutet.
Die Bedeutung einer Erfahrung ist nicht identisch mit der Reaktion, die sie hinterlässt
Digitale Milieus
Nicht alles, was unseren Erwartungen widerspricht, ist wertvoll. Aber ohne die Möglichkeit des Nichtpassenden können Erwartungen sich kaum an etwas anderem prüfen als an sich selbst. Unter welchen Bedingungen kann uns Fremdes noch so begegnen, dass es unsere eigene Perspektive irritiert?