Ein Zeitungsredakteur entscheidet, welche Nachricht auf die Titelseite kommt.
Er wählt aus.
Eine andere Nachricht erscheint auf Seite zwölf. Eine dritte gar nicht.
Öffentlichkeit war deshalb nie ein neutraler Raum. Redaktionen, Verlage, Rundfunkanstalten, politische Institutionen und wirtschaftliche Interessen entschieden immer mit darüber, was sichtbar wurde und was außerhalb öffentlicher Aufmerksamkeit blieb.
Auch die Vorstellung einer früheren Öffentlichkeit, in der einfach das gesellschaftlich Wichtige sichtbar wurde, ist eine Illusion.
Aufmerksamkeit wurde immer organisiert.
Verändert hat sich etwas anderes:
die Art, wie Sichtbarkeit entsteht.
In digitalen Öffentlichkeiten endet die Auswahl nicht mit der Veröffentlichung.
Ein Beitrag erscheint.
Menschen lesen ihn, teilen ihn, kommentieren ihn, widersprechen, empören sich oder stimmen zu.
Diese Reaktionen bleiben nicht folgenlos. Sie können selbst zu Informationen darüber werden, welchem Beitrag weitere Aufmerksamkeit zukommt.
Damit entsteht eine Rückkopplung.
Etwas wird sichtbar.
Weil es sichtbar ist, erzeugt es Resonanz.
Weil es Resonanz erzeugt, kann es noch sichtbarer werden.
Ein kurzes Video zeigt einen Streit in einer Fußgängerzone. Was davor geschah, ist nicht zu sehen. Was danach geschieht, ebenfalls nicht.
Zunächst sehen es einige Hundert Menschen.
Einige kommentieren empört. Andere widersprechen. Das Video wird geteilt. Je mehr Reaktionen es auslöst, desto weiter kann seine Sichtbarkeit wachsen.
Am nächsten Morgen haben Zehntausende den Ausschnitt gesehen.
Nicht weil jemand entschieden hätte, dass dieser Streit gesellschaftlich besonders bedeutsam ist.
Sondern weil immer mehr Menschen auf das reagiert haben, worauf bereits viele reagierten.
Aus einem Ereignis ist Aufmerksamkeit geworden.
Und aus Aufmerksamkeit neue Aufmerksamkeit.
Das ist ein anderer Mechanismus als die klassische redaktionelle Auswahl.
Nicht weil keine Auswahl mehr stattfindet.
Sondern weil die Reaktion des Publikums selbst Teil dieser Auswahl werden kann.
Resonanz ist dann nicht mehr nur die Folge von Öffentlichkeit. Sie wird zu einer ihrer Bedingungen.
Das bedeutet nicht, dass nur Empörung sichtbar wird.
Menschen reagieren auf vieles: Überraschung, Schönheit, Humor, Angst, Mitgefühl, Wut, Zugehörigkeit. Und ein Beitrag kann große Resonanz erzeugen, gerade weil er gesellschaftlich bedeutsam ist.
Dennoch sind nicht alle Inhalte unter diesen Bedingungen gleich.
Was starke und schnelle Reaktionen hervorruft, besitzt einen Vorteil in einem System, das Reaktionen registriert und für weitere Auswahl nutzt.
Ein komplizierter Zusammenhang braucht Zeit.
Empörung nicht unbedingt.
Eine Unsicherheit verlangt Erklärung.
Eine Gewissheit lässt sich in einem Satz behaupten.
So entsteht keine Öffentlichkeit, die zwangsläufig falsch oder radikal sein muss.
Aber eine Öffentlichkeit, in der Reaktionsfähigkeit selbst gesellschaftliche Sichtbarkeit beeinflusst.
Sichtbarkeit entsteht dabei in einem Zusammenspiel aus Ereignis, Auswahl, Interesse, sozialer Reaktion und technischen Verfahren.
Gerade deshalb lässt sie sich nicht ohne Weiteres mit Bedeutung gleichsetzen.
Diese Veränderung besitzt jedoch noch eine andere Seite.
Wo früher wenige Institutionen über öffentlichen Zugang entschieden, können heute Menschen sichtbar werden, die dafür keine Redaktion, keinen Verlag und keinen Sender benötigen.
Ein unbekanntes Video kann einen Missstand dokumentieren.
Eine kleine Initiative kann Menschen erreichen, die sie über traditionelle Medien niemals erreicht hätte.
Betroffene können selbst sprechen, statt darauf angewiesen zu sein, dass andere über sie berichten.
Auch gesellschaftliche Aufmerksamkeit kann dadurch korrigiert werden.
Was lange übersehen wurde, kann plötzlich sichtbar werden.
Digitale Öffentlichkeit bedeutet deshalb nicht einfach den Verlust einer besseren früheren Öffentlichkeit. Sie verändert, wer Öffentlichkeit herstellen kann.
Gerade darin liegt ihre Ambivalenz.
Dieselben Strukturen, die Stimmen hörbar machen können, die zuvor kaum Zugang hatten, können auch jene Inhalte verstärken, die besonders zuverlässig Reaktionen hervorrufen.
Mehr Teilhabe und stärkere Resonanzlogik sind keine Gegensätze.
Sie können gleichzeitig entstehen.
Die tiefere Veränderung beginnt dort, wo Sichtbarkeit und Bedeutung ineinander übergehen.
Was uns häufig begegnet, erscheint leicht größer.
Was überall diskutiert wird, wirkt gesellschaftlich dringlicher.
Was kaum sichtbar wird, kann aus unserer Wahrnehmung verschwinden, ohne deshalb aus der Realität verschwunden zu sein.
Das ist keine neue menschliche Schwäche. Menschen konnten ihre Aufmerksamkeit immer nur auf einen kleinen Ausschnitt der Welt richten.
Neu ist die Geschwindigkeit und Präzision, mit der Reaktionen auf diesen Ausschnitt gemessen und wieder in seine weitere Auswahl zurückgeführt werden können.
Dadurch entsteht eine eigentümliche Bewegung:
Wir reagieren auf das, was sichtbar wird.
Und unsere Reaktion wirkt daran mit, was sichtbar bleibt.
Öffentlichkeit beobachtet dadurch nicht nur Gesellschaft. Sie reagiert zunehmend auf ihre eigene Resonanz.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob digitale Öffentlichkeit Wirklichkeit verzerrt.
Jede Öffentlichkeit wählt aus.
Die wichtigere Frage ist:
Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn ihre Reaktionen selbst daran mitwirken, was sie als Nächstes für wichtig hält?