Ein Arzt sitzt einem Patienten gegenüber.
Die Untersuchungen sind abgeschlossen. Die Bilder liegen vor. Blutwerte wurden geprüft. Mehrere mögliche Ursachen sind ausgeschlossen.
Der Patient wartet auf eine Antwort.
Der Arzt sagt:
„Ich weiß es nicht.“
Vielleicht ist das einer der schwierigsten Sätze, die ein Experte aussprechen kann.
Nicht unbedingt, weil er versagt hat.
Sondern weil sein Wissen an eine Grenze gelangt ist.
Menschen suchen Experten auf, weil sie Antworten brauchen.
Sie fragen den Arzt, warum etwas weh tut.
Den Wissenschaftler, wodurch sich das Klima verändert.
Den Ökonomen, was eine Krise auslösen könnte.
Den Politiker, welche Folgen eine Entscheidung haben wird.
Und immer häufiger fragen sie technische Systeme.
Die Erwartung ist verständlich: Wer mehr weiß, sollte auch eine Antwort haben.
Doch Wissen funktioniert nicht so.
Je genauer Menschen etwas untersuchen, desto häufiger begegnen sie nicht nur Erkenntnissen, sondern auch den Grenzen dieser Erkenntnisse.
Eine Diagnose kann wahrscheinlich sein.
Eine Prognose unsicher.
Mehrere Ursachen können zusammenwirken.
Daten können fehlen.
Manche Fragen lassen sich noch nicht beantworten. Andere vielleicht grundsätzlich nicht eindeutig.
Nichtwissen ist nicht immer das Gegenteil von Wissen. Manchmal ist es sein genauestes Ergebnis.
Menschen haben Unsicherheit nie besonders gut ertragen.
Wo Ursachen unbekannt waren, entstanden Erklärungen. Wo Ereignisse bedrohlich wurden, wurden Schuldige gesucht. Wo Zukunft ungewiss blieb, versprachen Propheten, Ideologien und Heilslehren Gewissheit.
Die Sehnsucht nach Antworten ist älter als das Internet. Neu ist die Umgebung, in der sie heute auftritt.
Eine Frage bleibt kaum noch lange unbeantwortet.
Suchmaschinen finden Erklärungen.
Plattformen liefern Deutungen.
Menschen berichten von Erfahrungen.
Und generative Systeme können zu nahezu jeder Frage innerhalb von Sekunden eine sprachlich geschlossene Antwort formulieren.
Die Suche nach Gewissheit ist alt. Die permanente Verfügbarkeit von Antworten ist neu.
Das verändert nicht notwendig, was Menschen wissen.
Aber möglicherweise verändert es ihre Erwartung daran, wie lange eine Frage offenbleiben darf.
Kaum ein Ereignis hat diese Spannung so sichtbar gemacht wie die Pandemie.
Ein neues Virus verbreitete sich. Wissenschaftler mussten lernen, während das Ereignis bereits stattfand. Regierungen mussten Entscheidungen treffen, bevor ihre Folgen vollständig bekannt waren.
Empfehlungen veränderten sich.
Studien widersprachen einander.
Erkenntnisse wurden korrigiert.
Für Wissenschaft war das nicht außergewöhnlich. Erkenntnis entsteht häufig genau so. Für eine Öffentlichkeit, die Antworten brauchte, konnte es wie Unsicherheit, Widerspruch oder sogar Unfähigkeit erscheinen.
Gleichzeitig entstanden eindeutige Erklärungen.
Jemand war schuld.
Jemand wusste längst Bescheid.
Jemand verschwieg die Wahrheit.
Die konkreten Erzählungen unterschieden sich.
Ihr Vorteil war derselbe:
Sie verwandelten Unsicherheit in Gewissheit.
Wissenschaftliche Erkenntnis besitzt gegenüber geschlossenen Erklärungen einen merkwürdigen Nachteil.
Sie kann sagen:
Nach heutigem Stand.
Wahrscheinlich.
Unter diesen Bedingungen.
Die Daten reichen noch nicht aus.
Wir müssen unsere Einschätzung korrigieren.
Gerade diese Sätze können Ausdruck intellektueller Redlichkeit sein.
Aber sie klingen schwächer als:
So ist es.
Menschen müssen deshalb etwas lernen, das in einer Welt permanenter Antworten zunehmend schwierig werden könnte:
Vorläufigkeit auszuhalten, ohne sie mit Beliebigkeit zu verwechseln.
Nicht alles ist gleich unsicher.
Eine gut begründete Wahrscheinlichkeit ist nicht dasselbe wie eine Vermutung.
Eine offene wissenschaftliche Frage ist kein Beweis dafür, dass jede Erklärung gleichermaßen plausibel wäre.
„Wir wissen es noch nicht“ bedeutet nicht:
Niemand kann etwas wissen.
Es bezeichnet eine Grenze.
Und eine Grenze des Wissens zu erkennen, ist selbst eine Form von Wissen.
Hier bekommt künstliche Intelligenz eine besondere Bedeutung.
Ein technisches System kann zu nahezu jeder Frage eine plausible Antwort formulieren. Das kann außerordentlich hilfreich sein.
Aber eine verfügbare Antwort ist noch kein Verständnis.
Verständnis entsteht durch Einordnung, Vergleich, Widerspruch und die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen. Es braucht deshalb nicht notwendig lange Zeit – aber es lässt sich auch nicht mit der Geschwindigkeit einer Antwort gleichsetzen.
Je schneller Antworten verfügbar werden, desto wichtiger wird die Fähigkeit zu erkennen, was mit ihnen bereits verstanden ist – und was noch nicht.
Damit verändert sich auch die Bedeutung von Orientierung.
Orientierung kann nicht bedeuten, für jede Situation eine eindeutige Erklärung zu besitzen. Manchmal muss ein Mensch handeln, obwohl er nicht genug weiß.
Ein Arzt muss möglicherweise eine Behandlung wählen, obwohl die Diagnose unsicher bleibt.
Eine Regierung muss während einer Krise entscheiden, bevor alle Folgen bekannt sind.
Ein Mensch muss eine persönliche Entscheidung treffen, ohne wissen zu können, ob sie sich als richtig erweisen wird.
Orientierung zeigt sich dann nicht in Gewissheit.
Sie zeigt sich darin, Unterschiede erkennen zu können:
zwischen dem, was wir wissen,
dem, was wahrscheinlich ist,
dem, was wir vermuten,
und dem, was wir nicht wissen.
Diese Unterschiede beseitigen Unsicherheit nicht.
Sie machen sie bewohnbar.
Vielleicht liegt darin eine paradoxe Aufgabe moderner Wissensgesellschaften. Sie verfügen über mehr Möglichkeiten, Fragen zu beantworten als jede Gesellschaft zuvor. Und gerade deshalb müssen sie lernen, eine Antwort nicht mit Wissen zu verwechseln.
Der Arzt sitzt noch immer seinem Patienten gegenüber.
„Ich weiß es nicht“ ist für den Patienten möglicherweise enttäuschend.
Vielleicht macht der Satz Angst.
Vielleicht hätte er lieber eine eindeutige Diagnose.
Aber wenn der Arzt tatsächlich nicht weiß, was die Beschwerden verursacht, wäre eine überzeugende Erklärung nicht hilfreicher.
Sie wäre nur beruhigender.
Orientierung beginnt deshalb nicht erst dort, wo Unsicherheit endet.
Vielleicht zeigt sie sich gerade dort, wo Menschen sagen können:
Das wissen wir.
Das vermuten wir.
Und das wissen wir noch nicht.