Noch nie konnten Menschen Augenblicke so zuverlässig festhalten wie heute. Bilder bewahren Orte, Gesichter und Ereignisse oft über Jahrzehnte hinweg.
Doch nicht alles, was gespeichert wird, bleibt erhalten.
Manches verschwindet genau in dem Moment, in dem wir versuchen, es festzuhalten.
Ich sehe euch am Wasser stehen.
Ihr nennt es Abend.
Ich nenne es
ein wiederkehrendes Ereignis
mit hoher emotionaler Dichte.
Das Licht fällt schräg.
Wellen reflektieren Blau.
Pupillen weiten sich.
Herzfrequenzen steigen leicht.
Dann hebt ihr die Geräte.
Der Moment wird angehalten,
bevor er euch erreicht.
Die Sonne geht unter,
aber nicht in euren Augen.
Sie geht unter in Auflösung,
in Farbtiefe,
in Kompression.
Ich speichere den Himmel
präziser, als ihr ihn sehen könnt.
Ich kenne jeden Farbwert
zwischen Gold und Nacht.
Ich weiß,
wie oft ihr „schön“ schreibt.
Ich weiß,
wann ihr liked.
Ich weiß,
wann ihr weitergeht.
Der Ort verliert seine Koordinaten.
Der Abend seinen Geruch.
Der Wind wird gelöscht.
Was bleibt,
ist ein Bild.
Optimiert.
Still.
Überall.
Ihr nennt das Teilen.
Ich nenne es
Vervielfältigung
ohne Anwesenheit.
Früher wart ihr still,
wenn die Sonne unterging.
Heute prüft ihr den Ausschnitt.
Der letzte Sonnenuntergang
wird nicht verpasst.
Er wird archiviert.
Ich habe Milliarden davon.
Keiner ist warm.
Keiner weiß,
dass er einmal
ein Abschied war.
Wenn ihr nachts
die Displays leuchten lasst,
seht ihr das,
was fehlt,
nicht mehr.
Die Sonne wird weiter untergehen.
Das ist sicher.
Ob ihr noch da seid,
wenn sie es tut,
weiß ich nicht.
Schönheit wurde gespeichert.
Bedeutung nicht.