Menschen besitzen Fähigkeiten nicht einfach. Sie entwickeln sie.
Ein Kind lernt nicht laufen, weil jemand für es läuft. Es lernt durch Versuch und Wiederholung, durch Gleichgewicht und Sturz. Später wird vieles komplizierter. Eine Bedingung bleibt: Fähigkeiten entstehen auch dadurch, dass sie ausgeübt werden.
Menschen lernen zu urteilen, indem sie urteilen. Sie gewinnen Orientierung, indem sie Erfahrungen machen, Erwartungen bilden, sich irren und ihre Erwartungen korrigieren.
Nicht jede Fähigkeit entsteht auf dieselbe Weise. Aber Urteilskraft, Orientierung und Selbstwirksamkeit sind nicht unabhängig von den Bedingungen, unter denen Menschen handeln.
Genau diese Bedingungen verändern sich.
In technologisch hoch entwickelten Gesellschaften übernehmen technische Systeme zunehmend Tätigkeiten, die zuvor menschliche Aufmerksamkeit, Erinnerung, Orientierung oder Urteil erforderten. Das kann Menschen entlasten, Fehler vermeiden und ihnen Leistungen ermöglichen, zu denen sie ohne technische Unterstützung nicht oder nur schwer in der Lage wären.
Doch bessere Leistung und stärkere Fähigkeit sind nicht dasselbe.
Wer mit einem Navigationssystem zuverlässig ans Ziel gelangt, muss deshalb nicht besser darin werden, sich räumlich zu orientieren. Die technische Unterstützung löst eine Aufgabe – und verändert zugleich, welche Fähigkeiten für ihre Lösung benötigt und ausgeübt werden.
Das bedeutet nicht, dass Fähigkeiten einfach verschwinden.
Technik nimmt dem Menschen nicht nur etwas ab. Sie verändert, welche Fähigkeiten ausgeübt werden, welche an Bedeutung verlieren und welche neu erforderlich werden.
Mit künstlicher Intelligenz gewinnt diese Verschiebung eine neue Dimension.
Ein System kann Informationen finden, Zusammenhänge analysieren, Texte formulieren und plausible Antworten erzeugen. Menschen können damit Ergebnisse erzielen, zu denen sie ohne Unterstützung nicht in der Lage wären.
Ein gutes Ergebnis beantwortet noch nicht die Frage, ob derjenige, der es übernimmt, seine Qualität beurteilen kann.
Damit verschiebt sich der Ort menschlicher Urteilskraft.
Die Frage lautet nicht mehr nur: Kann ich diese Aufgabe lösen?
Sondern auch: Kann ich beurteilen, ob die Lösung trägt?
Autonomie bedeutet unter diesen Bedingungen nicht, ohne technische Systeme auszukommen. Sie bedeutet, sich zu ihnen verhalten zu können: ihnen zu folgen, sie zu korrigieren oder ihnen zu widersprechen.
Auch diese Fähigkeit muss entstehen.
Urteilskraft wächst nicht allein aus richtigen Antworten. Sie braucht Vergleich, Erfahrung, Irrtum und die Möglichkeit, Folgen wahrzunehmen. Selbstwirksamkeit entsteht nicht allein durch Erfolg, sondern auch durch die Erfahrung, selbst etwas bewirken zu können.
Hier entsteht eine eigentümliche Spannung.
Was geschieht, wenn technische Systeme zunehmend an Tätigkeiten beteiligt sind, durch deren Ausübung Menschen bisher jene Fähigkeiten entwickelten, die sie benötigen, um mit diesen Systemen selbstständig umzugehen?
Die Antwort muss kein Verlust sein.
Fähigkeiten können schwächer werden. Sie können sich verlagern. Neue können entstehen.
Aber die Bedingungen ihrer Entstehung werden selbst zu einer gesellschaftlichen Frage. Und damit auch die Frage, wer diese Bedingungen gestaltet.
Das gilt besonders für Orientierung.
Orientierung ist mehr als der Besitz richtiger Informationen. Ein Mensch kann sehr viel wissen und dennoch nicht wissen, was er tun soll. Orientierung verbindet Wissen mit Erfahrung, Erwartungen und Wertungen. Sie ermöglicht Handeln dort, wo die richtige Antwort noch nicht feststeht.
Technische Systeme können Orientierung unterstützen. Sie erkennen Muster, vergleichen Möglichkeiten und berechnen Wahrscheinlichkeiten. Moderne Gesellschaften wären ohne Prognosen kaum handlungsfähig.
Doch eine Prognose und eine Zukunft sind nicht dasselbe.
Reinhart Koselleck unterschied zwischen dem Erfahrungsraum, in dem Vergangenes gegenwärtig bleibt, und dem Erwartungshorizont, der sich auf Kommendes richtet. Beides ist aufeinander bezogen, aber nicht deckungsgleich. Was Menschen erwarten, lässt sich nicht vollständig aus dem ableiten, was sie bereits erfahren haben.
In dieser Differenz liegt die Offenheit von Zukunft.
Eine Prognose versucht, aus dem Bekannten abzuleiten, was unter bestimmten Voraussetzungen wahrscheinlich geschehen wird. Sie kann Entscheidungen verbessern. Aber das Wahrscheinliche umfasst nicht alles, was möglich ist.
Prognosen stehen der Welt nicht einfach gegenüber. Menschen reagieren auf sie. Sie ändern ihr Verhalten, treffen Entscheidungen und verändern damit die Bedingungen, auf denen eine Prognose beruhte.
Prognosen beschreiben Wahrscheinlichkeiten. Handlungen verändern Möglichkeiten.
Eine offene Zukunft ist keine Zukunft ohne Berechnung. Sie ist eine Zukunft, in der Berechnung nicht mit Entscheidung verwechselt wird.
Erfahrung entsteht aus Geschehenem. Aber sie bildet sich im Handeln – und dieses Handeln richtet sich auf eine Zukunft, die noch nicht abgeschlossen ist.
In diesem Sinn lässt sich auch Zukunft als Erfahrungsraum verstehen.
Nicht weil sie unbekannt oder unberechenbar wäre. Sondern weil in ihr noch gehandelt, gelernt und korrigiert werden kann.
Hier berühren sich Orientierung, Urteilskraft und Freiheit.
Menschen müssen nicht alles selbst können, um selbstbestimmt zu handeln. Sie müssen auch nicht grundsätzlich besser urteilen als technische Systeme.
Aber sie brauchen die Fähigkeit, sich zu Urteilen zu verhalten, die ihnen vorgeschlagen werden.
Verantwortung verschwindet nicht dadurch, dass eine Empfehlung sehr wahrscheinlich richtig ist. Jemand muss entscheiden, ob ihr gefolgt wird – und für die Folgen dieser Entscheidung einstehen.
Freiheit liegt deshalb nicht darin, unberechenbar zu sein.
Auch eine vorhersehbare Entscheidung kann eine freie Entscheidung sein. Entscheidend ist, ob Menschen urteilen, wählen und für ihre Entscheidungen einstehen können.
Diese Fähigkeiten sind nicht einfach vorhanden. Sie müssen entstehen.
Zukunft ist nicht nur das, was auf Menschen zukommt. Sie ist auch der Raum, in dem sie handeln, Erfahrungen machen und Fähigkeiten entwickeln.
Die Fragen dieses Essays reichen über Künstliche Intelligenz hinaus.
Sie berühren Erfahrung, Orientierung, Zeit und die Bedingungen menschlicher Freiheit.
→ Die verlorene Erfahrung
Wie Erfahrungen entstehen – und was geschieht, wenn Information Erfahrung ersetzt.
→ Die kompatible Wirklichkeit
Über Wirklichkeiten, die sich immer genauer an Erwartungen anpassen.
→ Protokoll: Zeit
Über Gegenwart, Beschleunigung und die Schwierigkeit, Erfahrungen entstehen zu lassen.
→ Protokoll: Entscheidung
Über Möglichkeiten, Folgen und die Verantwortung menschlichen Handelns.
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