Warum kann eine Erklärung einleuchten, obwohl wesentliche Zusammenhänge fehlen?
Jede Erklärung vereinfacht.
Sie wählt aus, stellt Zusammenhänge her und lässt anderes fort. Ohne diese Reduktion wäre Verstehen kaum möglich. Eine Erklärung, die nichts ausließe, wäre so komplex wie das, was sie erklären soll.
Doch gerade darin liegt ein Problem: Wir können den Eindruck haben, etwas verstanden zu haben, obwohl unser Verständnis wesentlich begrenzter ist, als wir glauben.
Die Kognitionspsychologen Leonid Rozenblit und Frank Keil haben dieses Phänomen als Illusion of Explanatory Depth beschrieben – als Illusion der Erklärungstiefe.
Menschen glauben demnach häufig, die Funktionsweise komplexer Dinge genauer zu verstehen, als sie tatsächlich können. Besonders sichtbar wird die Differenz, wenn sie aufgefordert werden, einen Mechanismus nicht nur zu benennen, sondern Schritt für Schritt zu erklären.
Der Eindruck des Verstehens kann also weiter reichen als das tatsächlich verfügbare Wissen.
Spätere Untersuchungen haben diesen Gedanken auch auf politische Fragen übertragen. In Experimenten zeigte sich, dass Menschen ihre Einschätzung des eigenen Verständnisses korrigierten, wenn sie erklären sollten, wie eine politische Maßnahme konkret ihre erwarteten Folgen hervorbringt. Teilweise wurden anschließend auch zuvor vertretene extreme Positionen moderater.
Das bedeutet nicht, dass politische Überzeugungen generell auf mangelndem Verständnis beruhen. Es zeigt etwas Begrenzteres und Interessanteres: Die Aufforderung, einen angenommenen Zusammenhang tatsächlich zu erklären, kann sichtbar machen, wo Verstehen bisher nur vorausgesetzt wurde.
Eine einfache Erklärung ist nicht deshalb falsch, weil sie einfach ist.
Und eine komplizierte Erklärung ist nicht deshalb besser, weil sie kompliziert ist.
Auch die verbreitete Annahme, Menschen hielten leicht verständliche Aussagen grundsätzlich eher für wahr, ist in dieser Allgemeinheit nicht haltbar. Kognitive Leichtigkeit kann Urteile beeinflussen, aber der Zusammenhang hängt von Bedingungen und Kontext ab.
Die Forschung liefert deshalb keine einfache psychologische Formel dafür, warum Menschen bestimmten Erklärungen glauben.
Sie zeigt vielmehr eine Differenz:
Etwas kann verständlich erscheinen, bevor wir geprüft haben, wie weit unser Verständnis tatsächlich reicht.
Damit beginnt ein Problem, das sich nicht allein experimentell entscheiden lässt.
Jede Erklärung muss auswählen. Sie hebt bestimmte Zusammenhänge hervor und lässt andere zurücktreten. Gerade dadurch kann sie etwas sichtbar machen.
Aber woran erkennen wir eine gute Vereinfachung?
Nicht daran, dass sie vollständig ist. Das kann sie nicht sein.
Nicht allein daran, dass sie einleuchtet. Auch eine falsche Erklärung kann plausibel erscheinen.
Und nicht allein daran, dass sie Orientierung schafft. Auch eine unzutreffende Erklärung kann eine Welt übersichtlich machen.
Eine Erklärung müsste deshalb etwas Schwierigeres leisten: Sie müsste verständlich machen, ohne ihre eigene Begrenztheit unsichtbar zu machen.
Mit künstlicher Intelligenz erhält diese alte Frage eine neue Form.
Erklärungen können heute in Sekunden erzeugt, an Vorwissen angepasst und sprachlich geschlossen formuliert werden. Damit wächst nicht nur die Verfügbarkeit von Erklärungen. Es verändert sich möglicherweise auch die Erfahrung des Verstehens.
Ob Menschen dadurch tatsächlich häufiger den Eindruck entwickeln, etwas verstanden zu haben, obwohl entscheidende Zusammenhänge fehlen, ist eine empirische Frage. Sie sollte nicht vorweg beantwortet werden.
Die philosophische Frage besteht unabhängig davon:
Was geschieht mit unserem Verhältnis zum Wissen, wenn die Erfahrung einer verständlichen Antwort leichter verfügbar wird als die Prüfung ihres Zustandekommens?
Leonid Rozenblit & Frank Keil – The misunderstood limits of folk science: an illusion of explanatory depth (2002)
Zeigt an alltäglichen kausalen Systemen, dass Menschen die Tiefe ihres eigenen Verständnisses überschätzen können. Ob und unter welchen Bedingungen sich dieser Befund auf soziale oder politische Zusammenhänge übertragen lässt, beantwortet die Studie nicht.
Philip Fernbach, Todd Rogers, Craig Fox & Steven Sloman – Political Extremism Is Supported by an Illusion of Understanding (2013)
Überträgt die Frage auf politische Maßnahmen und zeigt, dass die Aufforderung, deren Wirkmechanismen zu erklären, die Einschätzung des eigenen Verständnisses und unter bestimmten Bedingungen auch die Stärke politischer Positionen beeinflussen kann.
Oliver Schmidt & Daniel Heck – The relevance of syntactic complexity for truth judgments (2024)
Untersucht den Zusammenhang zwischen sprachlicher Verarbeitung und Wahrheitsurteilen und zeigt, warum daraus keine allgemeine Regel „leichter verständlich = eher für wahr gehalten“ abgeleitet werden sollte.
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