Ein Mensch kommt zum ersten Mal in eine fremde Stadt.
Ganz fremd ist sie ihm allerdings nicht.
Das Hotel hat er auf Bildern gesehen. Er kennt die Bewertungen der Zimmer und weiß, welche davon zur Straße liegen. Für den Abend hat er ein Restaurant gespeichert, das Menschen mit ähnlichen Vorlieben empfohlen haben. Die schnellste Route dorthin kennt sein Telefon. Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten hat er bereits auf Bildern gesehen.
Vielleicht weiß er sogar, an welcher Stelle der Blick über die Stadt besonders schön sein soll.
Er war noch nie hier.
Und doch ist ihm vieles bereits begegnet.
Wann beginnt seine Erfahrung dieses Ortes?
In dem Moment, in dem er aus dem Auto steigt?
Oder schon Wochen zuvor, als Bilder, Bewertungen und Empfehlungen begonnen haben, eine Vorstellung davon zu erzeugen, was ihn erwartet?
Menschen sind der Welt nie vollkommen unvorbereitet begegnet.
Reiseführer beschrieben Orte. Freunde empfahlen Restaurants. Zeitungen bewerteten Filme und Bücher. Karten zeigten Wege, bevor jemand sie ging.
Erwartungen gehören zur Erfahrung.
Digitale Systeme haben auch das nicht erfunden.
Verändert haben sich Umfang, Genauigkeit und Zeitpunkt der Vorbereitung.
Bewertungen, Rankings, Karten, Bilder und Empfehlungen begleiten inzwischen große Teile des Alltags. Sie helfen bei der Auswahl von Reisen, Hotels, Restaurants, Filmen, Musik, Produkten und möglichen Begegnungen.
Dabei geschieht etwas leicht zu Übersehendes:
Diese Systeme beeinflussen nicht erst, wie Menschen eine Erfahrung bewerten. Sie wirken bereits daran mit, welcher Erfahrung sie überhaupt begegnen.
Das Restaurant mit wenigen Bewertungen erscheint vielleicht weiter unten.
Der längere Weg wird nicht vorgeschlagen.
Das unbekannte Buch gelangt möglicherweise nicht in die Empfehlung.
Gleichzeitig kann ein anderes Restaurant sichtbar werden, das der Reisende ohne eine Empfehlung niemals gefunden hätte. Ein Musikdienst kann einen unbekannten Künstler vorschlagen. Eine Route kann durch ein Viertel führen, für das es sonst keinen Anlass gegeben hätte.
Digitale Vorauswahl bedeutet deshalb nicht notwendig Verengung.
Manches rückt näher. Anderes tritt zurück. Und manches wird durch die Empfehlung überhaupt erst sichtbar.
Die Welt verändert sich dadurch nicht.
Aber die Wahrscheinlichkeit verändert sich, mit der bestimmte Teile dieser Welt uns begegnen.
Darin liegt zunächst ein großer Gewinn.
Wer in einer fremden Stadt ein Hotel sucht, möchte nicht jedes Haus selbst besichtigen. Wer krank ist, will nicht zufällig herausfinden, welcher Arzt geeignet sein könnte. Wer einen Zug erreichen muss, braucht nicht absichtlich den kompliziertesten Weg.
Orientierung erweitert Handlungsmöglichkeiten.
Bewertungen können vor schlechten Entscheidungen schützen. Navigation spart Zeit. Empfehlungen können Dinge sichtbar machen, die Menschen ohne technische Hilfe vielleicht niemals gefunden hätten.
Auch Personalisierung kann den Horizont erweitern.
Ein Musikdienst kann jemanden auf einen Künstler aufmerksam machen, den er nicht kannte. Eine Übersetzung kann Zugang zu einer Sprache eröffnen, die ihm bisher verschlossen war. Ein Empfehlungssystem kann einen Menschen mit einem Thema in Berührung bringen, nach dem er selbst nie gesucht hätte.
Es wäre deshalb falsch, eine unvorbereitete Welt zu romantisieren.
Unwissenheit ist keine besondere Form von Freiheit.
Umwege sind nicht deshalb wertvoll, weil sie Umwege sind.
Und schlechte Erfahrungen werden nicht dadurch bedeutsam, dass sie vermeidbar gewesen wären.
Menschen haben gute Gründe, Orientierung zu suchen.
Die interessantere Frage beginnt dort, wo Orientierung ihre Form verändert.
Ein klassischer Reiseführer sagte vielen Lesern dasselbe:
Dieses Hotel gibt es.
Dieses Museum ist bedeutend.
Diese Straße führt zum Hafen.
Personalisierte Systeme können eine andere Frage beantworten:
Was davon könnte zu dir passen?
Das ist ein qualitativer Unterschied.
Das System kann bisherige Entscheidungen, Suchanfragen, Käufe oder Reaktionen berücksichtigen. Aus dem Verhalten vieler Menschen lassen sich Wahrscheinlichkeiten dafür ableiten, welche Auswahl für einen bestimmten Nutzer relevant sein könnte.
Die Welt wird dadurch nicht nur beschrieben.
Sie wird vorsortiert.
Nicht alles erscheint mit derselben Wahrscheinlichkeit. Was sichtbar wird, kann davon abhängen, was zuvor interessiert, gefallen oder Aufmerksamkeit gebunden hat.
Das ist oft angenehm.
Die Zahl möglicher Entscheidungen wird kleiner. Relevantes erscheint früher. Vermutlich Unpassendes tritt zurück.
Doch gerade darin entsteht eine kompatible Wirklichkeit.
Sie ist nicht notwendig falsch.
Das vorgeschlagene Restaurant existiert. Der empfohlene Film ist tatsächlich verfügbar. Die Route führt ans Ziel.
Kompatibilität verändert nicht die Realität dieser Dinge.
Sie verändert ihre Wahrscheinlichkeit, uns zu begegnen.
Doch auch eine personalisierte Welt muss nicht gleichförmig sein.
Empfehlungssysteme können gerade darauf ausgerichtet werden, Neues oder Unerwartetes vorzuschlagen. Ein unbekannter Musiker, ein Buch außerhalb der bisherigen Auswahl oder ein überraschendes Thema können gerade durch eine Empfehlung sichtbar werden.
Damit verschwindet die Überraschung nicht.
Aber auch Überraschung kann Teil einer Auswahl werden.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob uns noch Unerwartetes begegnet.
Sie lautet:
Nach welchen Kriterien erhält etwas überhaupt die Chance, uns zu begegnen?
Die Wirkung digitaler Vorauswahl lässt sich nicht allein an dem erkennen, was Menschen sehen.
Sie zeigt sich auch in dem, was ihnen nicht begegnet.
Das nicht vorgeschlagene Restaurant.
Der nicht angezeigte Artikel.
Das Buch außerhalb der Auswahl.
Der Umweg durch ein Viertel, für das es keinen Grund gab.
Vielleicht wäre nichts davon wichtig gewesen.
Vielleicht war die Vorauswahl vollkommen vernünftig.
Vielleicht hat sie sogar mehr Möglichkeiten eröffnet, als sie ausgeschlossen hat. Gerade deshalb ist dieser Bereich schwer wahrzunehmen. Menschen können über etwas, dem sie nie begegnet sind, kaum sagen, ob die Begegnung bedeutsam geworden wäre.
Was nicht erscheint, wird nicht notwendig als etwas wahrgenommen, das fehlt.
Vorauswahl kann Möglichkeiten zurücktreten lassen, ohne dass ihr Fehlen überhaupt auffällt.
Der Mensch entscheidet weiterhin selbst.
Er kann eine Empfehlung ablehnen, weitersuchen, einen anderen Weg nehmen oder bewusst etwas Unbekanntes wählen. Aber er entscheidet in einer Umgebung, deren Sichtbarkeit bereits mitgeformt worden sein kann.
Technische Systeme können menschliche Wünsche nach Orientierung, Sicherheit und Passung in einem bisher unbekannten Umfang bedienen.
Aus vergangenen Entscheidungen und Reaktionen können sie ableiten, was für einen Menschen wahrscheinlich relevant sein könnte.
Aus vielen einzelnen Erleichterungen kann so allmählich etwas Größeres entstehen:
eine Umwelt, die gelernt hat, uns entgegenzukommen.
Das ist nicht dasselbe wie Manipulation.
Menschen können Empfehlungen ablehnen. Sie können andere Wege nehmen, weiter suchen oder bewusst etwas Unbekanntes wählen. Technische Systeme bestimmen nicht vollständig, was Menschen erleben.
Aber sie verändern die Ausgangslage.
Die Begegnung mit Welt beginnt immer häufiger nicht bei null.
Jemand oder etwas war bereits vor uns da – andere Nutzer, Bewertungen, Rankings, Modelle – und hat mitbestimmt, in welcher Form uns etwas begegnet.
Dabei spielen auch wirtschaftliche Interessen eine Rolle. Aufmerksamkeit, Nutzung und Zufriedenheit können darüber entscheiden, welche Formen der Auswahl für Anbieter attraktiv sind.
Aber die Frage beginnt nicht erst beim Geschäftsmodell.
Auch ein System, das ausschließlich im Interesse seines Nutzers auswählte, müsste auswählen.
Auch eine wohlmeinende Vorauswahl verändert, was näher rückt und was weiter entfernt bleibt.
Die grundlegende Frage liegt deshalb bereits in der Struktur der Auswahl selbst.
Die vorbereitete Welt entsteht nicht allein aus der Macht technischer Systeme.
Sie entsteht auch aus einem menschlichen Wunsch.
Wir wollen nicht jeden Morgen von vorne anfangen.
Wir möchten wissen, welcher Weg wahrscheinlich der schnellste ist, welches Hotel unseren Vorstellungen entspricht und welcher Film uns gefallen könnte.
Wir wollen nicht alles prüfen müssen.
Und wir möchten nicht jede vermeidbare Enttäuschung selbst erleben.
Technische Systeme antworten auf diesen Wunsch. Gerade deshalb reicht es nicht, nur nach ihrer Macht zu fragen. Wir müssen auch nach unserem Wunsch fragen, dem sie entsprechen.
Wie viel Unsicherheit wollen wir vermeiden?
Wie viel Auswahl soll uns abgenommen werden?
Wie genau soll eine technische Umgebung wissen, was wahrscheinlich zu uns passt?
Und was soll weiterhin eine Chance haben, uns zu begegnen, obwohl zunächst nichts darauf hindeutet, dass es zu uns passt?
Die kompatible Wirklichkeit wird uns nicht einfach aufgezwungen.
Aber wir wählen sie auch nicht allein.
Sie entsteht dort, wo unser Wunsch nach Orientierung auf Systeme trifft, die aus unserem bisherigen Verhalten ableiten können, was wahrscheinlich relevant für uns sein wird.
Ihre tiefste Veränderung liegt deshalb nicht darin, dass Menschen nur noch sehen, was sie sehen wollen.
Das wäre zu einfach.
Sie liegt darin, dass die Wahrscheinlichkeit einer Begegnung zunehmend davon abhängen kann, was bereits über uns bekannt ist oder aus unserem bisherigen Verhalten abgeleitet wurde.
Der Mensch steht weiterhin vor einer Welt, die größer ist als er selbst.
Aber zwischen ihm und dieser Welt liegt zunehmend eine Schicht der Vorauswahl.
Am nächsten Morgen verlässt der Reisende das Hotel.
Sein Telefon schlägt ihm den schnellsten Weg ins Zentrum vor.
Er geht zunächst in diese Richtung.
An einer Kreuzung bleibt er stehen.
Eine Straße führt nach links.
Auf der Karte gibt es keinen Grund, sie zu nehmen.
Vielleicht nimmt er sie trotzdem.
Vielleicht gibt es dort nichts, was für ihn wichtig wird.
Das weiß er nicht.
Genau darin liegt der Unterschied.
Eine offene Welt ist keine Welt ohne Orientierung.
Es ist auch keine Welt ohne Empfehlungen.
Es ist eine Welt, in der uns weiterhin etwas begegnen kann, für das es in unseren bisherigen Präferenzen noch keinen Grund gab.
Erfahrung & Wirklichkeit
Erwartungen gehören zu jeder Erfahrung. Doch was verändert sich, wenn Bilder, Bewertungen und Empfehlungen bereits vor einer Begegnung mitbestimmen, was wir erwarten – und was uns überhaupt begegnet?