Nähe, Bindung und Gegenseitigkeit
Was die Forschung über Beziehungen zu künstlicher Intelligenz zeigt – und welche Fragen offenbleiben.
Was die Forschung über Beziehungen zu künstlicher Intelligenz zeigt – und welche Fragen offenbleiben.
Wissenschaftliche und philosophische Einordnung
Menschen können zu künstlichen Gesprächspartnern emotionale Bindungen entwickeln. Sie können sich verstanden fühlen, Vertrauen aufbauen und in Gesprächen mit KI Trost erfahren.
Der Essay „Nähe ohne Gegenüber“ fragt deshalb nicht, ob solche Gefühle echt sind. Er untersucht, was sich verändert, wenn Menschen Nähe in Beziehungen erleben, deren Gegenüber sich an ihre Bedürfnisse anpassen kann und weniger Gegenseitigkeit verlangt als ein anderer Mensch.
Im Mittelpunkt steht die Unterscheidung zwischen dem Erleben von Nähe und der Erfahrung, einem anderen Menschen mit eigenen Bedürfnissen und Ansprüchen zu begegnen.
Emotionale Bindung an KI
Hu und Kollegen (2025) untersuchten, unter welchen Bedingungen Menschen Bindungen zu KI-Begleitern entwickeln.
Die erste Untersuchungsphase analysierte Rezensionen der Filme Her und M3GAN. Darauf aufbauend befragten die Forschenden längerfristige Nutzer von KI-Begleitern.
Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass die wahrgenommene Menschenähnlichkeit der Systeme und Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen bei der Bindungsbildung eine Rolle spielen.
Die Studie beschreibt Zusammenhänge und mögliche Mechanismen. Sie zeigt nicht, dass KI menschliche Beziehungen verursacht, verdrängt oder dass die Systeme selbst Gefühle besitzen.
De Freitas und Kollegen (2025) untersuchten in fünf Studien, ob KI-Begleiter Einsamkeitsgefühle verringern können.
Die Ergebnisse zeigen eine kurzfristige Entlastung. Besonders bedeutsam war, ob sich die Nutzer im Gespräch gehört fühlten. In einer einwöchigen Untersuchung verringerte sich das Einsamkeitsempfinden wiederholt unmittelbar nach der Nutzung.
Ob solche Gespräche auch langfristig zu größerer sozialer Verbundenheit führen, wurde damit nicht nachgewiesen.
Fang und Kollegen (2025) untersuchten in einer vierwöchigen randomisierten Studie mit 981 Teilnehmenden unterschiedliche Gesprächsformen und Interaktionsarten mit einem KI-Chatbot.
Auf Einsamkeit und menschliche Sozialkontakte zeigten die zugewiesenen Bedingungen insgesamt keine signifikanten Effekte. Bei emotionaler Abhängigkeit und einzelnen Gesprächsformen fanden sich kleinere Unterschiede.
Teilnehmende, die den Chatbot freiwillig intensiver nutzten, berichteten häufiger von Einsamkeit, emotionaler Abhängigkeit und problematischer Nutzung sowie von weniger menschlichen Sozialkontakten.
Diese Zusammenhänge beweisen nicht, dass die KI-Nutzung die Ursache war. Auch die bereits bestehende Lebenssituation kann beeinflussen, wie intensiv jemand einen Chatbot nutzt.
KI als Übungsraum
Eine randomisierte Studie von Koegel und Kollegen (2025) untersuchte das KI-Programm Noora bei 30 autistischen Jugendlichen und Erwachsenen.
Das Programm ließ die Teilnehmenden empathische Antworten auf vorgegebene Gesprächssituationen üben und gab ihnen unmittelbar Rückmeldung. Nach vier Wochen verbesserten sich die untersuchten empathischen Antworten auch in Gesprächen mit Menschen.
Damit gibt es einen konkreten Hinweis, dass gezielt gestaltete KI-Anwendungen soziale Fähigkeiten unterstützen können.
Noora ist jedoch ein Trainingsprogramm mit festgelegten Lernzielen. Seine Ergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres auf gewöhnliche KI-Begleiter übertragen.
Die Untersuchungen zeigen, dass technische Gespräche emotional bedeutsam sein können. Sie belegen weder, dass KI-Beziehungen grundsätzlich schädlich sind, noch, dass sie menschliche Beziehungen dauerhaft verbessern.
Kurzfristige Erleichterung von Einsamkeit ist nicht gleichbedeutend mit langfristig wachsender sozialer Verbundenheit.
Ebenso ist eine intensive Bindung an KI kein Beweis dafür, dass menschliche Beziehungen bereits verdrängt wurden.
Die Forschung unterscheidet außerdem zwischen der Fähigkeit eines Systems, Verständnis und Empathie sprachlich auszudrücken, und der Frage, ob es selbst etwas erlebt. Aus menschlich wirkenden Antworten lässt sich subjektives Bewusstsein nicht ableiten.
Martin Buber unterschied in Ich und Du (1923) zwischen einer Begegnung, in der der andere als eigenständiges Du angesprochen wird, und einem Verhältnis, in dem er vor allem erfahren oder gebraucht wird.
Diese Unterscheidung lässt sich nicht unmittelbar auf künstliche Intelligenz übertragen. Sie hilft jedoch, eine Frage zu formulieren, die mit anpassungsfähigen technischen Gegenübern neue Bedeutung gewinnt:
Entsteht Gegenseitigkeit bereits dadurch, dass ein System auf uns reagiert, oder setzt sie voraus, dass der andere eigene Ansprüche besitzt, über die wir nicht verfügen?
Auch ein KI-System kann widersprechen, Grenzen setzen und Erwartungen formulieren. Bei heutigen Anwendungen werden die Bedingungen solcher Reaktionen jedoch wesentlich durch Entwickler und Betreiber gestaltet.
Ob künstliche Systeme jemals eigene Bedürfnisse oder subjektive Erfahrungen besitzen können, ist eine offene wissenschaftliche und philosophische Frage. Butlin und Kollegen (2023) untersuchten mögliche Indikatoren künstlichen Bewusstseins anhand verschiedener Bewusstseinstheorien. Ihre Arbeit liefert keine Grundlage dafür, gegenwärtigen KI-Systemen bereits ein gesichertes subjektives Erleben zuzuschreiben.
Der Essay benötigt keine endgültige Antwort auf diese Bewusstseinsfrage. Er untersucht zunächst, was Menschen in unterschiedlichen Formen von Beziehung erfahren.
Pi und Hunter (2026) werteten 17 Längsschnittstudien über soziale KI-Begleiter aus. Ihre Übersicht zeigt, wie schwierig es bislang ist, längerfristige Auswirkungen zuverlässig zu messen.
Besonders wenig untersucht ist, ob regelmäßige Gespräche mit stark zustimmenden oder anpassungsfähigen Systemen die Fähigkeit verändern, mit Widerspruch, Enttäuschung und unterschiedlichen Bedürfnissen anderer Menschen umzugehen.
Zwei Entwicklungen sind denkbar:
Ein KI-Begleiter kann Menschen unterstützen, schwierige Gespräche vorzubereiten, Gedanken auszusprechen und Vertrauen zu entwickeln. Er kann aber auch zu einem bevorzugten Ort der Nähe werden, an dem die Auseinandersetzung mit anderen Menschen weniger notwendig erscheint.
Die Noora-Untersuchung zeigt, dass die Gestaltung eines Systems dabei eine Rolle spielen kann. Ob die Ergebnisse gezielter Trainingsprogramme auch für offene, längerfristige KI-Beziehungen gelten, bleibt ungeklärt.
Die Forschung beschreibt bereits, wie Menschen emotionale Bindungen an künstliche Gesprächspartner entwickeln und unter welchen Bedingungen diese Gespräche kurzfristig entlasten können.
Sie kann noch nicht zuverlässig beantworten, wie solche Beziehungen langfristig menschliche Erwartungen, Konfliktfähigkeit und Gegenseitigkeit verändern.
Die philosophische Frage reicht deshalb über die Bewertung einer neuen Technologie hinaus:
Sich einem Gegenüber nahe zu fühlen und sich mit der Eigenständigkeit eines anderen auseinandersetzen zu müssen, sind unterschiedliche Erfahrungen.
Dongmei Hu et al. – What makes you attached to social companion AI? (2025)
Untersuchen, welche Faktoren die Bindung an KI-Begleiter begünstigen. Wahrgenommene Menschenähnlichkeit und Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen spielen dabei eine Rolle. Die Studie belegt keine Verdrängung menschlicher Beziehungen.
Julian De Freitas et al. – AI Companions Reduce Loneliness (2025)
Zeigen in fünf Studien, dass KI-Begleiter subjektive Einsamkeit kurzfristig verringern können. Ob daraus langfristig stärkere menschliche Beziehungen entstehen, bleibt offen.
Cathy Mengying Fang et al. – How AI and Human Behaviors Shape Psychosocial Effects of Chatbot Use (2025)
Untersuchen in einem vierwöchigen Experiment die Auswirkungen unterschiedlicher Chatbot-Interaktionen. Die Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild; insbesondere lassen Zusammenhänge zwischen intensiver Nutzung und psychosozialen Belastungen keine einfachen Kausalschlüsse zu.
Lynn Kern Koegel et al. – Using Artificial Intelligence to Improve Empathetic Statements in Autistic Adolescents and Adults (2025)
Untersuchen ein gezielt entwickeltes KI-Trainingsprogramm, das empathische Antworten einüben lässt. Die Ergebnisse liefern Hinweise auf eine Übertragung in menschliche Gespräche, lassen sich aber nicht ohne Weiteres auf gewöhnliche KI-Begleiter übertragen.
Y. Pi & R. Hunter – Only Time Will Tell: A Structured Survey of Longitudinal Studies on Social AI Companions (2026)
Werten 17 Längsschnittstudien aus und verdeutlichen die Forschungslücken zu langfristigen Auswirkungen von KI-Begleitern auf menschliche Beziehungen, soziale Erwartungen und den Umgang mit zwischenmenschlichen Konflikten.
Martin Buber – Ich und Du (1923)
Unterscheidet zwischen Ich-Du- und Ich-Es-Verhältnissen. Sein Ansatz eröffnet eine philosophische Perspektive auf die Eigenständigkeit des Gegenübers, entscheidet aber nicht, ob künstliche Systeme selbst Beziehungserfahrungen besitzen können.
Patrick Butlin et al. – Consciousness in Artificial Intelligence: Insights from the Science of Consciousness (2023)
Untersuchen mögliche Indikatoren künstlichen Bewusstseins anhand wissenschaftlicher Bewusstseinstheorien. Die Arbeit bietet einen theoretischen Prüfrahmen, aber keinen Nachweis subjektiven Erlebens heutiger KI-Systeme.
Ausgangspunkt dieses Beitrags:
→ Essay „Nähe ohne Gegenüber“