Über digitale Öffentlichkeit und die Fähigkeit zur Distanz
Der Finger liegt über dem Teilen-Symbol.
Ein Video, kaum eine Minute lang. Eine politische Rede, ein Ausschnitt aus einem Interview, Bilder von einer Demonstration. Vielleicht fehlt der Anfang. Vielleicht fehlt der Zusammenhang. Aber das, was zu sehen ist, genügt.
Es empört.
Oder bestätigt etwas, das man schon lange vermutet hat.
Noch eine Berührung des Bildschirms, und andere werden es sehen.
In diesem kurzen Moment scheint wenig zu geschehen. Ein Mensch sieht etwas und reagiert darauf. So war es immer. Menschen erschrecken, freuen sich, misstrauen, stimmen zu, lehnen ab. Keine Gesellschaft könnte existieren, wenn jeder Eindruck erst nach langer Prüfung eine Reaktion auslösen dürfte.
Das Problem ist nicht die Reaktion.
Die Frage ist, was zwischen ihr und dem Urteil geschieht.
Denn beides ist nicht dasselbe.
Ich kann empört sein und mich fragen, ob meine Empörung berechtigt ist. Ich kann einer Behauptung glauben und dennoch prüfen, warum ich ihr glaube. Eine Erklärung kann mich überzeugen, ohne deshalb richtig zu sein.
Urteilskraft beginnt nicht damit, keine spontanen Reaktionen mehr zu haben. Sie beginnt dort, wo der Mensch sich zu seiner eigenen Reaktion noch einmal verhalten kann.
Vielleicht liegt darin eine kleine, aber folgenreiche Unterscheidung.
Digitale Systeme müssen auf diesen zweiten Schritt nicht warten.
Für sie kann bereits die erste Reaktion brauchbar sein.
Ein Klick. Ein Like. Die Dauer, mit der jemand bei einem Beitrag verweilt. Ein Kommentar. Das Weiterleiten eines Videos. Auch der Abbruch kann etwas anzeigen.
Keines dieser Signale sagt sicher, was ein Mensch denkt. Wer lange bei einem Beitrag verweilt, kann ihm zustimmen oder ihn entsetzlich finden. Wer etwas teilt, kann es unterstützen oder kritisieren. Aus Verhalten lässt sich kein vollständiges Urteil ablesen.
Aber ein vollständiges Urteil ist für viele technische Systeme auch gar nicht erforderlich.
Verhalten kann genügen, um Wahrscheinlichkeiten zu verändern: welche Inhalte Aufmerksamkeit erhalten, welche Beiträge weiterverbreitet werden, was einem Nutzer als Nächstes begegnet.
Damit entsteht eine eigentümliche Verschiebung.
Für ein technisches System kann eine menschliche Reaktion bereits verwertbar sein, bevor sie für den Menschen zu einem Urteil geworden ist.
Dass soziale Rückmeldung Verhalten beeinflussen kann, lässt sich beobachten. William J. Brady, Killian McLoughlin, Tuan N. Doan und Molly J. Crockett untersuchten 2021 in Science Advances, wie moralische Empörung in sozialen Netzwerken gelernt und verstärkt wird. Soziale Zustimmung zu Empörungsäußerungen erhöhte die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen später erneut Empörung äußerten. Zugleich orientierten sie sich daran, welche Formen des Ausdrucks in ihrem sozialen Umfeld üblich waren.
Die Plattform zwang niemanden zur Empörung. Der Befund ist weniger spektakulär und gerade deshalb interessant: Die Umgebung kann mitbeeinflussen, welche Reaktionen sich wiederholen.
Und Wiederholung kann Gewohnheit werden.
Auch das Teilen von Nachrichten kann sich habitualisieren. Untersuchungen von Gizem Ceylan, Ian Anderson und Wendy Wood, 2023 in den Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht, zeigen, dass ein Teil dieses Verhaltens nicht allein durch politische Überzeugungen oder mangelndes kritisches Denken erklärt werden kann.
Wer häufig Inhalte weitergibt und dafür soziale Rückmeldung erhält, kann zunehmend auf vertraute Reize reagieren. Besonders habitualisierte Nutzer waren in den Experimenten weniger empfindlich dafür, welche Folgen das Teilen hatte. Teilweise verbreiteten sie sogar Inhalte, die ihren eigenen politischen Überzeugungen widersprachen.
Das verschiebt die Frage.
Es geht nicht nur darum, was Menschen glauben.
Es geht auch darum, wann eine Handlung überhaupt noch ein neues Urteil benötigt.
Daraus folgt nicht, dass digitale Systeme Menschen ihre Urteilskraft nehmen. Die Forschung zeigt keinen neuen Menschentyp, der nur noch reagiert.
Sie zeigt etwas Begrenzteres: Verhalten kann zur Gewohnheit werden. Eine Handlung, die einmal bewusst entschieden wurde, muss nicht jedes Mal neu entschieden werden.
Das kennen wir aus dem Alltag. Wir prüfen nicht jeden Morgen neu, wie man eine Tür öffnet oder welchen Weg man zum Bäcker nimmt. Gewohnheiten entlasten.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob Gewohnheiten gut oder schlecht sind.
Sie lautet, welche Handlungen wir einer Gewohnheit überlassen – und bei welchen wir darauf angewiesen bleiben, neu zu urteilen.
Die naheliegende Antwort wäre: Dann müssen Menschen eben langsamer werden.
Erst denken, dann klicken.
Doch Urteilskraft lässt sich nicht in Sekunden messen.
Ein Mensch kann sehr schnell erkennen, dass eine Behauptung falsch ist. Ein anderer kann lange darüber nachdenken und dabei nur Gründe dafür sammeln, warum seine erste Überzeugung richtig gewesen sein muss.
Entscheidend ist nicht allein, wie viel Zeit zwischen Eindruck und Handlung vergeht.
Entscheidend ist, ob darin etwas anderes möglich wird.
In einer 2022 in Nature Communications veröffentlichten Auswertung von zwanzig Experimenten mit insgesamt mehr als 26.000 Teilnehmern fanden Gordon Pennycook und David Rand: Wurde die Aufmerksamkeit vor einer Entscheidung kurz auf die Genauigkeit einer Nachricht gelenkt, verbesserte sich die Unterscheidung beim Teilen; vor allem sank die Bereitschaft, falsche Meldungen weiterzugeben.
Manchmal genügte also eine einfache Frage:
Stimmt das eigentlich?
Die Menschen hatten ihre Fähigkeit zur Prüfung offenbar nicht verloren. In einem bestimmten Moment bekam sie nur mehr Gewicht.
Das spricht gegen eine einfache Verfallsgeschichte.
Technische Gestaltung kann unmittelbare Reaktionen begünstigen. Sie kann aber auch einen Anlass schaffen, noch einmal hinzusehen.
Der Gedanke dahinter ist alt.
Schon die Stoiker unterschieden zwischen einem Eindruck und der Zustimmung zu ihm. Etwas kann uns unmittelbar wahr, empörend oder überzeugend erscheinen. Trotzdem müssen wir nicht bei diesem ersten Eindruck bleiben.
Wir können uns fragen:
Stimmt das?
Fehlt etwas?
Warum überzeugt mich das so schnell?
Zwischen dem ersten Eindruck und dem, was wir schließlich für richtig halten, liegt die Möglichkeit, noch einmal hinzusehen.
Darin zeigt sich eine Form menschlicher Freiheit: Nicht jeder Eindruck muss unmittelbar bestimmen, was aus ihm folgt.
Distanz bedeutet deshalb nicht Gleichgültigkeit. Und sie bedeutet nicht, den eigenen Gefühlen grundsätzlich zu misstrauen.
Eine Empörung kann berechtigt sein.
Ein erster Eindruck kann stimmen.
Distanz bedeutet nur, dass er nicht stimmen muss.
Bei einem Menschen und einem Beitrag könnte das unbedeutend erscheinen.
Digitale Öffentlichkeit besteht jedoch aus Millionen solcher Vorgänge.
Menschen sehen etwas, reagieren, klicken, teilen, kommentieren, bleiben oder gehen weiter. Systeme erfassen solche Reaktionen und verwenden sie, um weitere Auswahl zu organisieren. Diese Auswahl begegnet wiederum Menschen.
Begegnung wird Reaktion.
Reaktion wird Signal.
Signal beeinflusst Auswahl.
Auswahl erzeugt neue Begegnungen.
Das Entscheidende daran ist nicht nur, dass viele Reaktionen gesammelt werden.
Das Ergebnis kann in den Prozess zurückkehren.
Man könnte einwenden, dass eine Gesellschaft gar nicht auf das sorgfältige Urteil jedes Einzelnen angewiesen ist. Viele Menschen können gemeinsam zu erstaunlich guten Ergebnissen kommen, obwohl jeder Einzelne sich irren kann. Die Idee der „Weisheit der Menge“ beruht gerade darauf, dass sich solche Fehler unter geeigneten Bedingungen teilweise ausgleichen.
Dafür dürfen die einzelnen Einschätzungen allerdings nicht alle vom selben Einfluss abhängen.
Digitale Rückkopplung macht diese Voraussetzung komplizierter.
Denn hier werden Reaktionen nicht nur gesammelt. Was viele Menschen anklicken, teilen oder beachten, kann beeinflussen, was anschließend anderen Menschen gezeigt wird.
Die Reaktionen verändern damit möglicherweise die Bedingungen, unter denen die nächsten Reaktionen entstehen.
Aus Aggregation kann Rückkopplung werden.
Das bedeutet nicht, dass Menschen deshalb alle dasselbe sehen oder denken. Sie können suchen, widersprechen, andere Quellen wählen und Empfehlungen ignorieren.
Aber technische Systeme sind auch nicht bloß neutrale Leitungen, durch die bereits fertige menschliche Urteile hindurchfließen.
Gestaltungsmacht zeigt sich hier in einer besonderen Form. Sie entscheidet nicht darüber, was ein Mensch urteilt. Aber sie kann daran beteiligt sein, welche Reaktionen sichtbar werden und wie diese Reaktionen in weitere Auswahl eingehen.
Damit wird aus einer scheinbar privaten Frage eine politische.
Diese Rückkopplung dürfte mit der technischen Entwicklung nicht verschwinden.
Empfehlungssysteme können unterschiedliche Verhaltenssignale und ihre Abfolge berücksichtigen. Mit generativer KI kommt eine weitere Möglichkeit hinzu: Auswahl und Erklärung können in demselben System zusammenfallen.
Ein System kann dann nicht nur auswählen, was einem Menschen begegnet. Es kann Inhalte zusammenfassen, einordnen oder im Gespräch erläutern – und spätere Auswahl und Erklärung an vorherige Reaktionen anpassen.
Dafür muss es einen Menschen nicht vollständig verstehen.
Wahrscheinlichkeiten genügen.
Menschen reagieren damit auf eine technisch geordnete Umgebung. Systeme können diese Reaktionen erfassen und für spätere Auswahl verwenden. Auf diese veränderte Auswahl reagieren wiederum Menschen.
Das System verarbeitet also nicht nur menschliches Verhalten. Mit dem, was es daraus lernt, kann es auch die Bedingungen späteren Verhaltens mitgestalten.
Welche Folgen solche Rückkopplungen langfristig für Gesellschaften und für menschliche Urteilskraft haben werden, lässt sich derzeit nicht belastbar vorhersagen.
Solche Systeme können relevante Informationen besser zugänglich machen und neue Perspektiven eröffnen. Sie können Aufmerksamkeit auf Genauigkeit lenken.
Sie können aber auch vorhandene Reaktionsmuster verstärken.
Die technische Entwicklung entscheidet nicht von selbst, welche dieser Möglichkeiten sich durchsetzt. Das hängt auch davon ab, wie Systeme gestaltet werden, welche Ziele sie verfolgen und in welchen gesellschaftlichen Zusammenhängen sie eingesetzt werden.
Doch eine Unterscheidung wird dadurch bedeutsam:
Was für ein technisches System bereits ein brauchbares Signal ist, muss für einen Menschen noch kein fertiges Urteil sein. Wo aus solchen Signalen weitere Auswahl entsteht, wird dieser Unterschied auch für Öffentlichkeit bedeutsam.
Was wäre die Antwort darauf?
Vielleicht mehr Widerspruch.
Wer zu häufig mit vertrauten Positionen konfrontiert wird, müsste dann einfach häufiger andere sehen.
Doch die Forschung liefert auch dafür keine einfache Gewissheit. Experimente mit politisch gegenläufigen Informationen zeigen unterschiedliche Ergebnisse. Manchmal wurden Einstellungen gemäßigter, manchmal veränderten sie sich kaum, unter bestimmten Bedingungen verhärteten sie sich sogar.
Mehr Gegenmeinungen erzeugen nicht automatisch mehr Urteilskraft.
Es genügt nicht, dass Widerspruch verfügbar ist.
Menschen müssen sich zu ihm verhalten.
Damit erreicht auch die Vorstellung ihre Grenze, Urteilskraft ließe sich durch immer bessere Informationsversorgung herstellen.
Urteilskraft lässt sich nicht liefern.
Aber sie kann gebraucht werden.
Der Finger liegt noch immer über dem Teilen-Symbol.
Vielleicht stimmt das Video.
Vielleicht fehlt der entscheidende Zusammenhang.
Vielleicht ist die Empörung berechtigt.
Vielleicht sollte gerade deshalb möglichst schnell davon erfahren werden.
Das System kann aus diesem Moment bereits etwas machen. Aus dem Verweilen, dem Klick, dem Teilen. Vielleicht wird die Reaktion Teil dessen, was anderen Menschen als Nächstes begegnet.
Für den Menschen ist trotzdem noch etwas offen.
Er kann sich fragen, ob das, was er gesehen hat, stimmt.
Warum es ihn so empört.
Ob etwas fehlt.
Und danach kann er immer noch teilen.
Urteilskraft verlangt nicht, den Finger zurückzuziehen.
Der Unterschied liegt nicht darin, ob eine Handlung folgt. Er liegt darin, dass die erste Reaktion nicht schon entschieden haben muss, welche Handlung folgt.
Zwischen dem, was uns begegnet, und dem, was wir daraus machen, liegt ein Raum.
Urteilskraft beginnt damit, ihn nicht verschwinden zu lassen.
Orientierung
Urteilen heißt auch, mit unvollständigem Wissen umgehen zu können. Wie können Menschen entscheiden und handeln, wenn Gewissheit nicht erreichbar ist?